Facebook – nichts als digitale Gesichtspflege
19.01.2011 | 16:22 Uhr 2011-01-19T16:22:00+0100
Im Netz.Das Ich im Profil: Facebook prägt einen neuen Stil der Selbstdarstellung, der an Selbsterfindung grenzt, findet WAZ-Redakteurin Britta Heidemann. Und findet fünf Gründe, das soziale Netzwerk nicht zu mögen.
Ich dachte, ich wüsste, ungefähr jedenfalls, wer ich bin. Bis ich daran scheiterte, eine Facebook-Version meiner selbst zu erstellen. Anmelden, Foto, Schule, Arbeitgeber. Klar – das würden „Freunde“ brauchen, damit sie mich identifizieren können. Warum aber sollte ich meine Persönlichkeit in Musik-CDs abbilden? Was, wenn ich selten ins Kino gehe? Warum ist da keine Rubrik für, sagen wir: Gedanken, die man nur nach Mitternacht denkt, wenn man sehr mutig ist?
Ich lasse das Profilieren erst mal sein und gucke, wer so da ist. Gehe meinem Voyeurismus nach und staune. Wieso scheinen Menschen, die ich differenziert und ironisch kenne, hier so dauergutdrauf? Kann ich da mithalten? Will ich? Fünf Gründe, Facebook nicht zu mögen.
1. Weil es die Fantasie eines College-Studenten ist. Die britische Autorin Zadie Smith war dabei, als es losging, räumlich und zeitlich jedenfalls: 2003 in Harvard. In Facebook-Gründer Zuckerberg sieht sie nur einen jungen Schlacks. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb sie: „Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Facebook von einem jungen Harvard-Studenten mit typischen Interessen eines Harvard-Studenten entwickelt wurde. Was ist dein Beziehungsstatus? (Wähle einen. Es kann nur eine Antwort geben. Die Leute müssen Bescheid wissen.) Hast du ein „Leben“? (Beweise es. Stelle Bilder ein.) Interessierst du dich für die richtigen Dinge? (Stell eine Liste auf.)“ Wichtig seien „persönliche Belanglosigkeiten“: Zuckerberg glaube, Freundschaft bestehe in deren Austausch.
2. Weil wir darin Listen statt Beziehungen führen. Das neue, digitale Leben überschreibt das alte, reale. Wir hören ein Lied unter dem Aspekt, ob es unser Profil unterstreicht – und nicht, ob es uns (ohne Rattenschwanz von 200 „Freunden“) gefällt. Tatsächlich sollen die Listen etwas ersetzen, was im virtuellen Raum fehlt. In Kürze wird Fabian Bursteins Facebook-Roman „Statusmeldung“ (siehe Info-Box) erscheinen. Darin beklagt Protagonist Julian das Fehlen jener Kennenlern-Rituale, die Beziehungen zugrundeliegen. Die Folge: „Für mich ist dieser ganze abstrakte Raum ein riesiges Phantom. Mit Phantom-Gefühlen und Phantom-Schmerzen, wenn die Phantom-Gefühle virtuell verletzt werden.“
3. Weil wir neuerdings Dinge nur deshalb tun, um bei Facebook cool zu wirken. Natürlich waren wir immer schon Schauspieler. Seit Erving Goffman („Wir alle spielen Theater“) ist das Impression-Management, mit dem wir anderen ein Bild von uns machen, fester Begriff der Soziologie. Nun aber wollen wir nicht mehr nur gemocht werden, wir wollen „likes“ kriegen, virtuelle „Daumen-hoch!“-Grüße. Die gibt es oft für lustige Bilder, seltener für kluge politische Kommentare. Also? Klar: „Alles, was wir online tun, folgt nur dem Ziel, dafür bezahlt zu werden, in der härtesten Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit“, schrieb Autorin Lara Fritzsche im „Stern“. Deshalb präsentierten wir uns ironiefrei, wiedererkennbar: „Martin ist der Ernste, Lea die Sensible, Felix ist der Entertainer. Wir entwickeln ein Image von uns selbst, eine Demoversion.“ Das Verführerische: Wir haben totale Kontrolle über unsere Außenwirkung. Kein Blick, keine Geste, kein Tonfall wird uns je verraten!
Auf Seite 33 wird das literarische Vorbild dieses Werkes erwähnt, das nur aus Facebook-Einträgen besteht: Daniel Glattauers E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“. Tatsächlich entspinnt sich auch in Fabian Bursteins „Statusmeldung“ (Labor-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro) Romantisches zwischen Unbekannten: Julian und Johanna. Burstein streut Zweifel, Fremdlieben und Kommentare von „Freunden“ ein. Das liest sich flott weg, zerstreut aber nicht die Skepsis gegenüber modernen Kommunikationsformen. Die der Autor offenbar teilt: Am Ende, als Julian sich gefangen und das Liebespaar sich gefunden hat – löschen Julian und Johanna ihre Facebook-Profile.
4. Weil es Einzigartigkeit gefährdet. Facebook ist nicht nur fröhlich ichbezogen, sondern in seiner Fröhlichkeit auch ein großer Gleichmacher. Facebook sei „digitaler Maoismus“, unterdrücke Individualität: Dies schreibt kein Geringerer als Web-Prophet Jaron Lanier, der in den 90ern den Begriff „virtuelle Realität“ erfand, im neuen Buch „Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht“.
5. Weil es unsere eigene Faulheit tarnt. Aber es ist sooo cool, mit so vielen Menschen in Kontakt zu stehen! Klar. Noch cooler wäre, den einzelnen Menschen zu meinen, und nicht 200 gleichzeitig. „Wenn wir wirklich diesen Leuten in der Ferne einen Brief schreiben wollten, würden wir es tun“, so Zadie Smith: „Aber wir wollen nur das Allernotwendigste tun, wie ein junger Student…“
Vielleicht ist dies schon das ganze, große Geheimnis: Facebook ist die virtuelle Verlagerung des Studenten- und Partylebens in eine Welt, in der wir unsere Selbsterfindung ganz in der Hand haben. Um mitzufeiern, muss ich demzufolge gar nicht wissen, wer ich bin. Sondern nur, wer ich sein möchte. Unser Facebook-Profil spiegelt nicht uns, sondern ein Wunschbild – und könnte daher unverhofft zur tieferen Selbsterkenntnis beitragen.
18:29
Da gibt es aber schon auch gute Sachen auf fb:
zb den 1. facebook-Roman (zum Mitmachen)
http://zwirbler.com/
19:12
Ich kenne meine Freunde auf Facebook alle persönlich.
Übrigens; früher gab es Brieffreundschaften, heute ist es eben das Internet.
17:17
D A N K E
Liebe Zadie, das kann man kaum besser und leider auch zutreffender erklären.
Liebe Grüße
(Ohne Facebook)
17:09
Der Artikel zeugt leider von einer eingeschränkten Betrachtungsweise.. xtranews hat da eine schöne Antwort drauf veröffentlicht:
http://www.xtranews.de/2011/01/20/facebook-die-digitale-gesichtspflege-ist-nur-das-pendant-zur-analogen/
Facebook ist doch vielmehr eine Kommunikationsplattform, die man auf zig verschiedene Arten nutzen kann.. ich persönlich nutze die hauptsächlich dazu um Nachrichten mit Leuten zu schreiben die ich persönlich kenne, FB hat die schöne Funktion dass jedes Thema in den Nachrichten ein Thread darstellt, und die eigenen Beiträge mit den Antworten untereinander dargestellt werden.. das kann mein E-Mail Programm nicht...
Außerdem zocke ich gerne Cityville und gelegentlich schreibe ich dort auch mit Leuten die ich nicht kenne...
wenn Andere das als Kontaktmarkt, Selbstdarstellungsbühne oder sonstwas nutzen, ist das doch genauso okay.. FB darauf zu reduzieren, ist aber sehr engstirnig gedacht .. wer dort nur von Selbstdarstellern Notiz nimmt, hat vielleicht einfach die falschen Freunde..
14:19
Ihr Artikel ist zwar ausgewogen, ich mag trotzdem widersprechen. Vielleicht sehen viele in Facebook einen Kontaktmarkt für zwischenmenschliche Beziehungen? Dann sind diese arm dran. Persönliche Bekanntschaften pflege ich in Clubs, Vereinen, auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu machen aber nicht virtuell.
Wozu ich FB verwende ist, schnell und problemlos Interessen z. B. über Wein und drgl. Zu auszutauschen. Ebenso kann ich Nachrichten, die zwar Deutschland betreffen aber nicht in deutschen Gazetten stehen, auszutauschen und zu verlinken. Auch Kommentare von mir, die vielleicht mal gelöscht werden könnten, kann ich so nach verfolgen, in dem ich auf FB zu diesem Artikel ein Statement abgeben kann. FB ist also für mich ein zweites virtuelles Archiv. Sehnsüchte gehören nicht ins Internet und es gibt nur preis, was ich es wissen lass. Und da hab ich nichts zu verheimlichen.
Mit freundlichen Grüßen
hein-tirol alias heintirol Ihr Fritz – Ulrich Hein
13:36
@5BerndBruns: Hast Recht, wir werden wirklich gläsern. Ich habe mir inzwischen die Einstellung angewöhnt a) einerseits nichts über mich preiszugeben im Netz und b) andererseits die Leute ruhig schnüffeln lassen in den uninteressanten Details meines Lebens, denn ich habe nichts zu verbergen. An online - Umfragen und Payback Punkten nehme ich auch immer teil, aber als 85-jährige Oma, die raucht, säuft und 50.000 Km auto fährt im Jahr.....
13:29
Wohl wahr. Als Netznutzer der ersten Stunde betrachte ich Facebook auch mit Unbehagen, Ich bin dort zwar registriert, nutze es aber nur um aktuell über die Aktivitäten um Stuttgart 21informiert zu sein. Ein Profil habe ich dort erst gar nicht eingestellt. Nicht mal mein Foto. Auch die angebotene Freundesuche über alle gespeicherten Mailadressen ist mir höchst suspekt. Und die Art, wie dort Freundschaften animiert werden mit Freunde und Freundinnen von Freunden Freundinnen gefällt mir nicht. Freundschaften haben estwas mit menschlichen Beziehungen zu tun und nicht mit softwaremäßigen Verknüpfungen von Bekanntschaftsgeflechten.
Hinzu kommt eine weitere Befürchtung, durch die Facebook-Nutzung meine Datenautonomie komplett zu verlieren.
Microsoft, Google, Facebook und andere amerikanische Konzerne sind gesetzlich gegenüber dem amerikanischen Geheimdiesten Fenster im System für die Beobachtung der Nutzer und Filterung der Nutzerinhalte zur Verfügung zu stellen. Allein durch die Nutzung von Google mache ich mich gläsern. Auch Google nutze ich schon mit Unbehagen.
12:53
Ich finde den Artikel super! Wenn ich an Facebook denke, stellt sich mir immer zuerst diese eine Frage: Warum soll ich mein Privatleben öffentlich zur Schau stellen um dafür irgendwelche Bewertungen zu sammeln??? Woher nehmen die Leute die Motivation dieses zu tun?? Was bringt es mir 200 virtuelle Freunde zu haben die mich nicht anrufen, oder mich besuchen? Wenn einer meine Urlaubsbilder sehen will, kann er mich besuchen kommen oder ich schicke sie ihm per E-Mail. Dieses sich präsentieren und dafür I like zu bekommen,fühlt sich nur an wie Balsam auf den Wunden von komplexbeladenen Seelen.
Das Internet zu nutzen um überhaupt Kontakte zu knüpfen wie bei den bekannten Partnerbörsen finde ich sehr gut, denn es eröffnet den Kontakt zu Menschen die man ansonsten wahrscheinlich nie getroffen hätte.
12:02
Der Artikel ist Mummpitz. Denn: Studien aus den USA und Deutschland zeigen: Wer sich online vernetzt, hat auch im echten Leben mehr Sozialkontakte. Quelle: Sozialkontakte übers Internet: Online entdecken, offline treffen http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740340,00.html#ref=rss
11:23
Sehr schöner Artikel. Dennoch ist Facebook - genauso wie viele andere neumodischen Dinge - nicht nichts als sondern unter anderem auch. Und dies wurde hier beschrieben.
Die positiven Aspekte, wie die Kommunikation mit Freunden aus dem realen Leben, oder die Diversifizierung und Reflexion, auch die Informationsmöglichkeiten sind nicht von der Hand zu weisen.
Das Medium ist nicht schlecht, allenfalls der falsche Umgang damit.