Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Musical

„Evita“ und die Faszination der Widersprüche

29.07.2010 | 16:59 Uhr

Köln. „Don’t Cry For Me, Argentina“ kennt jeder. Dass „Evita“, das Musical von Andrew Lloyd Webber, mehr zu bieten hat, zeigt eine Londoner Westend-Produktion, die hervorragende Tanznummern und eine hinreißende Titelheldin vorzuweisen hat.

Evita Perón ist sicherlich die schillerndste Figur im Musical-Schaffen des Andrew Lloyd Webber. Nach erneutem Sehen muss man auch zugestehen, dass die 30 Jahre alte „Evita” musikalisch und inhaltlich vielleicht das Beste ist, was der britische Komponist gemeinsam mit Librettist Tim Rice auf die Bühne gebracht hat. Überzeugen kann man sich derzeit davon in Köln, wo die Londoner Westend-Produktion letzter Hand von Bob Thomson und Bill Kenright im Rahmen des Kölner Sommerfestivals zu sehen ist.

Wobei wir nicht verhehlen wollen, dass Ausstattung und Handlungsort viel zur Faszination des Musicals beitragen. Argentinien in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, das ist ein Garant für farbenfrohen Dresscode, tangodurchfeuchtete Musik, exotisch angehauchte Schauplätze und großes, schmerzhaftes Schicksal. Das entfaltet sich in Gestalt der jungen Eva Duarte, die eine steile Karriere im Blick hat und sich dafür planvoll promiskuitiv an die Spitze schläft. Endstation ist Oberst Juan Perón (Mark Heenehan), in dem sie schon früh den kommenden Staatspräsidenten wittert.

Mischung aus Gier, Egomanie und sozialem Engagement

Abigail Jaye ist in der Londoner Produktion nicht nur stimmlich eine hinreißende Titelheldin, die das „Don’t Cry For Me, Argentina“ wunderbar samten klingen lässt. Auch schauspielerisch meistert sie den Parcours aus Gier, Egomanie und sozialem Engagement bravourös. Jaye ist überzeugend schon als energischer, erfolgssüchtiger Teenager in der Provinz, später als Präsidentengattin und Volksheldin mauert sie eine menschliche Größe um sich herum, die all ihre dunklen Seiten verdecken hilft. Kongenial gleitet Mark Powell als Ché mit ihr durch die Stationen ihres Lebens: ein Revolutionär, hier lange vor seiner Zeit, der als eine Art Conférencier und Hofnarr Evita auf ihrer Himmelsleiter begleitet und ihr Tun dabei zynisch kommentiert.

Die London-Truppe, im Januar dann auch im Essener Colosseum zu sehen, trumpft mit umfangreichem Personal auf, was sich vor allem tänzerisch bemerkbar macht. So viel Beinarbeit wie Choreograph Bill Deamer sie hier anbietet, ist in herkömmlichen Stadttheater-Inszenierungen gemeinhin nicht zu sehen. So präzise einstudiert aber, elektrisiert bereits der erste Tanz mit der blutjungen Eva in ihrer heimeligen Provinz-Bar.

Von Anfang an nährt das Libretto Zweifel an der Redlichkeit Evitas, lässt sie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität sogar den ausgiebig genossenen, phänomenalen Luxus als Opfer an die Erwartungshaltung ihres Volkes betrachten. So etwas hilft verstehen, wie diese Frau dachte und was wohl auch ihre Faszination ausmachte. In Köln gab’s dafür stehende Ovationen.

Arnold Hohmann



Kommentare
Aus dem Ressort
New Yorker Metropolitan Museum zeigt Fotos von Thomas Struth
Museum
Der am Niederrhein geborene Fotograf Thomas Struth stellt im New Yorker Metropolitan Museum aus. 25 Bilder des Künstlers werden ab dem 30. September für etwa ein halbes Jahr zu sehen sein. Das Museum feiert Struth als vollkommendsten Künstler der letzten 50 Jahre.
„Supermensch“ ist fast zu absurd, um wahr zu sein
Kino
Neues von Mike Myers, der mit „Austin Powers“ Maßstäbe in Sachen Agentenfilm-Parodie geliefert hat,: Sein Kino-Porträt: über Shep Gordon zeigt einen der Strippenzieher des US-amerikanischen Pop- und Filmbusiness, der sich mit seinem Nachbarn Cary Grant das Sorgerecht für eine Katze teilte...
Parkour-Künstler aus Wattenscheid bei Show Urbanatix dabei
Urbanatix
Leroy Guse ist „Traceur“. Seit gut drei Jahren ist „Parkour“ die Leidenschaft des Schülers, er lässt dabei Hindernisse, geschaffen von Natur oder Architektur, fast spielerisch hinter sich. Der 18-Jährige aus Westenfeld lebt seinen Traum: bei der Street-Art-Show Urbanatix wird er dabei sein.
Zirkus Flic Flac gastiert mit einer neuen Show in Oberhausen
Artisten
Vor 25 Jahren zeigte Flic Flac seine allererste Show in Oberhausen. Nun meldet sich der Zirkus der Superlative nach zweijähriger Pause mit einer neuen Show zurück. Die nächsten zwei Jahre touren die Artisten durch 40 deutsche Städte. Den Anfang macht - mal wieder - Oberhausen.
„Schoßgebete“ – Verfilmung des Romans von Charlotte Roche
Romanverfilmung
Nach den „Feuchtgebieten“ kommt nun auch Charlotte Roches zweiter Roman auf die große Leinwand. Regisseur Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Sommermärchen) bringt „Schoßgebete“ ins Kino, die Geschichte über eine neurotische und schwer traumatisierte Frau und ihre ungewöhnliche Ehe.
Umfrage
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?

Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?