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Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an

08.09.2010 | 16:05 Uhr
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an

Herdecke. Essener Studenten haben am Hengsteysee in Herdecke ein Kunstwerk geschaffen. Es wirft Passanten handfeste Drohungen oder freche Beleidigungen an den Kopf. Jetzt musste es entschärft werden.

„Alter, isch mach’ disch platt, Alter“ - vielleicht war es dieser Spruch, der einer älteren Dame aus dem Gebüsch entgegen geschleudert wurde. Es könnte aber auch der flapsig formulierte Hinweis „Hey, Alter, Du hast ‘nen Platten!“ oder eine kleinere Beleidigung im Stil von „Du hast’n Rad ab!“ gewesen sein. Sicher ist nur, dass sich der Vorfall in der lauschigen Umgebung des Hengsteysees in Herdecke abspielte. Auf dem Ruhrtalradweg in Höhe des am See gelegenen RWE-Koepchenwerks überquerte die Passantin gerade einen Steg, als sie frech von der Seite angebrüllt wurde. Sie verständigte die Polizei.

„Wer sein Fahrrad schiebt, der liebt“

Die ältere Dame fiel aber nicht etwa einem Dummejungenstreich zum Opfer, sondern sie bekam Kunst zu hören. Studenten der Folkwang Universität der Künste in Essen haben unter Leitung von Professor Rolf Lieberknecht am Hengsteysee in der Nähe des Pumpspeicherkraftwerks ein „AnMachWerk“ geschaffen.

In einem alten Schieberhäuschen am Rand des Radwegs haben die jungen Künstler einen Computer versteckt. Per Bewegungsmelder und Wärmesensor erfährt dieser von sich nähernden Personen. Mit Hilfe eines Lautsprechers werden dann zufällig ausgewählte Botschaften auf den Weg hinaus gebrüllt. Die Auswahl ist groß. Manche sind witzig andere sehr aggressiv. 20 verschiedene Sprüche stehen zur Verfügung. Sie reichen von „Wer sein Fahrrad schiebt, der liebt“ bis hin zu „Alter, isch mach’ disch platt, Alter“. „Das ist eine absichtliche Provokation. In dem Betrachter soll eine Energie hervorgerufen werden“, erklärt Professor Lieberknecht das Ziel des ungewöhnlichen Kunstobjekts.

Ein Dämmerungsschalter wurde eingebaut

Nach dem Vorfall mit der älteren Dame war es mit der Kunst am Hengsteysee aber erstmal vorbei. Das Ordnungsamt Herdecke legte die Klanginstallation kurzerhand still. Inzwischen haben Ordnungshüter und Künstler aber einen Kompromiss gefunden. Wer will, kann sich am RWE-Koepchenwerk immer noch „anmachen“ lassen. Unschuldige tappen aber nicht mehr so leicht in die Falle. Eine Tafel weist die Passanten nun im Vorfeld auf die Gefahr einer möglichen Unverschämtheit hin. Außerdem wurde die Lautstärke heruntergedreht und ein Dämmerungsschalter eingebaut. Letzteres war dem Ordnungsamt besonders wichtig. „Stellen sie sich vor, sie gehen in der Morgendämmerung mit ihrem Dackel spazieren und plötzlich brüllt sie jemand aus dem Gebüsch an. Einige hatten wirklich Angst und sind zu dem Pförtner von RWE gelaufen“, erklärt Jürgen Theobald, Pressesprecher der Stadt Herdecke. Ein wenig Erziehung hat das freche Plappermaul inzwischen auch genossen. Laut Professor Lieberknecht ist der Spruch „Alter, isch mach’ disch platt, Alter“ nun deutlich seltener zu hören.

„Wir wollen natürlich nicht, dass sich jemand erschreckt“

Mit der gefundenen Lösung sind alle Parteien zufrieden, auch die RWE. „Über Geschmack lässt sich streiten. Wir wollen natürlich nicht, dass sich jemand erschreckt, denken aber auch, dass man der ganzen Sache mit einem Augenzwinkern begegnen kann“, erläutert Pressesprecher Sebastian Ackermann den Standpunkt seines Unternehmens.

Das „AnMachWerk“ der Folkwang-Studenten ist nur eines von vielen Kunstwerken, die im Sommer des Kulturhauptstadtjahres entlang des Ruhrtalradwegs geschaffen wurden. Anfang 2009 veranstaltete der Energieerzeuger RWE hierzu einen Ideenwettbewerb. Junge Künstler aus der Region reichten ihre Vorschläge ein. Die Folkwang-Studenten gewannen gleich mit drei Projekten. Eines davon ist die automatische Beleidigungsmaschine aus Herdecke.

Maira Schmidt



Kommentare
09.09.2010
18:47
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von JW | #34

@Kulturhauptschrott

Sie gehören ja offenbar dazu.
Ja, gelegentlich.

Vielleicht bin ich dafür einfach zu dumm?
Mag sein. Vielleicht sagt Ihnen diese Installation aber auch nur nichts.


Mal ganz abseits aller Ressentiments gegen etwas ungewöhnliche Kunst, was passiert wenn dieser Installation ausgesetzt sein?
Wie die ältere Dame, hören Sie eine aggressive, teils beleidigende Stimme aus einem Busch, stellen aber im Nachhinein schnell fest, dass die in ihnen keimende Angst völlig irrational, wie es nun mal der Angst ureigenster Charakter ist, gewesen ist. Im nächsten Schritt werden Sie sich vielleicht fragen, wie viele ähnliche Situationen letztendlich genauso unbegründete Angst in ihnen ausgelöst haben. Vielleicht gehen Sie sogar so weit und versuchen die Ursprünge dieser vorurteilsbehafteten Angst zu ermitteln und stellen dabei fest, dass die Massenmedien zwar über jede Menge Schandtaten und Verbrechen berichten, gemessen an den vielfältigen Möglichkeiten, die Gefahren aber deutlich geringer sind als vermutet. So ist die Mordrate im deutschen Fernsehen mit ca. 25.000 Toten pro Jahr etwa zehnmal höher als in der Realität.

Sehen Sie, dies ist nur eine Überlegung, zu der ein witziges Kunstobjekt den Betrachter bringen kann.

09.09.2010
13:52
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von Dandelo | #33

Die Kommentatoren hier im Forum zum Denken anzuregen ist nun wirklich eine Kunst, also ist das mit Sicherheit Kunst.

09.09.2010
13:22
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von Kulturhauptschrott | #32

Ui, es gibt sogar einen Fachausdruck dafür. Na dann muss es ja Kunst sein. Dass man sich dabei noch auf einen anderen Künstler beziehen kann - wahnsinn!
Gut, dass Kunst nur einem kleinen Kreis der erleuchteten zugänglich ist (Sie gehören ja offenbar dazu). Vielleicht bin ich dafür einfach zu dumm?

09.09.2010
12:54
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von JW | #31

Ok, nächster Versuch (offenbar muss man hier wirklich sehr weit vorne beginnen).

Sagt den Kritikern der Begriff Unsichtbares Theater etwas? Methode war oder ist es, Theaterstücke (i.w.S.) ohne Wissen des Publikums an öffentlichen Orten aufzuführen. Diese Installation geht sogar noch weiter und verzichtet auf Schauspieler. Wären es Gedichte, die ein schnarrender Automat in einem kitschigen Märchenpark herunterleiert, würde sich niemand darüber ärgern. Aber Pubklikumsbeschimpfungen (wie weiland Handke) die unmöglicherweise persönlicher Natur sein können - im Unterschied zu ihrem reichlich hinkenden Beispiel über ihr Verhalten in Fußgängerzonen -, nach Möglichkeit auch noch mit fremdländischem Zungenschlag, erhitzen die Gemüter (denen natürlich sofort klar ist, dass das niemals Kunst sein kann).

Zu den Kritikern: Ich glaube nicht, dass meine Erklärungen ihnen weiterhilfen, denn Kunst ist nicht etwas, dass ihnen erklärt werden kann oder muss, sondern etwas, dass sie ohne Erklärungen verstehen. Alles andere, also alles was nicht sofort völlig eingängig ist, ist somit keine Kunst und Leute die versuchen diese Kunst auch noch zu erklären sind nur weltfremde, faule Spinner.

09.09.2010
12:39
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von orfeo | #30

@JW:
Ein von uns allen gut bezahlter Prof bringt an einer von uns allen bezahlten Uni den Studenten bei, was seiner Meinung nach Kunst ist.
Wenn der städtische Kinderspielplatz eine neue Rutsche braucht, müssen private Sponsoren angebettelt werden, weil die Kommunue für solchen Firlefanz leider kein Geld hat.
Man muss wohl nicht unbedingt ein RTL-Opfer sein, um über solche zustände nur noch den Kopf zu schütteln.
Meine Version:
Ich mache Sie hier nicht persönlich an, sondern ich mache hier echt voll Kunst, woll!
Ich hau Dir auch nicht aufs Maul, weil ich was gegen Dich persönlich habe - ich kann nur Deine Art von Kunst nicht ab!

09.09.2010
11:49
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von Jack Daniels | #29

Ahnungslose Spaziergänger beleidigen nennt sich Kunst?
Wenn ich jemanden einfach mal so mitten auf der Straße beleidige, bekomme ich eine Anzeige - zu Recht!

09.09.2010
11:35
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von Pro JW | #28

@27: Sie haben Recht - leider!

09.09.2010
11:15
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von JW | #27

Da rülpst wieder das Stammtischpublikum auf DerWesten seine Kommentare in üblicher Form zusammen: wenns an Argumenten gebricht, kann man immer noch ausfallend werden, richtig?

Ich vermute, dass ihnen auch Handkes Frühwerk nicht allzu bekannt ist, oder?

Falls ihre Auffassungsgabe nicht allzu sehr überfordert, das adäquate Kontrastprogamm für Sie findet sich bei RTL/RTL II u. vglb.

09.09.2010
09:53
Essener Kunstprojekt pöbelt Passanten an
von essenkenner | #26

Jetzt wird auch noch die Verblödung unserer Gesellschaft als Kunst bezeichnet - typisch für unsere Zeit!

09.09.2010
09:47
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #25

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