ESC 2015 – Ann-Sophie holt keinen Punkt für Deutschland

Perplexer Gewinner beim ESC 2015: Måns Zelmerlöw (29) aus Schweden siegt beim "Eurovision Song Contest" in Wien.
Perplexer Gewinner beim ESC 2015: Måns Zelmerlöw (29) aus Schweden siegt beim "Eurovision Song Contest" in Wien.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Blamage für Deutschland: Beim ESC 2015 holte Ann-Sophie keinen einzigen Punkt. Der Sieg ging an Måns Zelmerlöw aus Schweden.

Wien.. Machen wir es erst einmal ganz sachlich: Der schwedische Sänger Måns Zelmerlöw (29) hat den 60. Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen. Auf den Plätzen Zwei und Drei landeten Russland und Italien. Die deutsche Vertreterin Ann-Sophie landete zusammen mit Gastgeber Österreich auf dem letzten Platz und bekam null Punkte.

Deutschland steht beim ESC wieder ganz unten

Man kann das jetzt natürlich schön reden, kann sagen, das es „unverdient“ ist und dass andere Länder sich die Punkte gegenseitig zugeschoben haben. Das ist alles richtig, letzteres aber nicht neu, und es ändert nichts an der Tatsache, dass man den ESC 2015 aus deutscher Sicht als „Pleite“ einstufen muss. Die Bundesrepublik steht bei dieser „Europameisterschaft im Singen“ wieder da, wo sie vor und nach der Ära Raab schon so oft stand: ganz unten.

Aber fangen wir von vorne an. Der Gastgeber kleckerte nicht, er klotzte. Philharmoniker und Sängerknaben zur Eröffnung, viel Licht und Feuer und mit Arabella Kiesbauer (46), Alice Tumler (36) und Mirja Weichselbraun (33) gleich drei Moderatorinnen, die – manchmal etwas unterkühlt und wenig witzig – durch den langen Abend führten.

Nach gut 30 Minuten wurde dann endlich gesungen, und kaum war der erste Auftritt beendet, hatte man das Lied schon wieder vergessen. Wie die meisten Lieder an diesem Abend. Viele Balladen, viele Duette, jede Menge nicht getroffene Töne. Bei den Engländern, auch mal eine große Pop-Nation, wurde es peinlich – bei anderen wähnte man sich in einem Standbild, so wenig Bewegung herrschte auf der Bühne.

Politische Botschaften blieben beim Zuschauer kaum hängen

ESC Ja, es war auch ein Abend der politischen Botschaften. Aber dass Armenien über den Völkermord sang, Ungarn und Zypern für den Weltfrieden baten – das dürfte weitgehend untergegangen sein in der Partystimmung, die in der Halle herrschte, und auch vor den Bildschirmen der geschätzt 150 Millionen Zuschauer keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Das könnte dagegen Guy Sebastian gelungen sein, der für Australien antrat, das zum 60. Geburtstag des ESC einmalig eingeladen worden war. In „Down Under“ längst ein Superstar begeisterte der 34-Jährige, der ein wenig aussieht wie ein entfernter Verwandter von Bruno Mars, auch in Wien und landete am Ende auf Platz fünf.

Startnummer 17 sollte Ann-Sophie Glück bringen

Deutschland ging mit der Startnummer 17 ins Rennen. Ein gutes Omen hieß es vorher. Denn in den zuvor 59 Ausgaben des ESC gab es insgesamt sieben Künstler, die sich von Startnummer 17 in die Herzen der Zuschauer sangen. Ann-Sophie brachte der Platz im Mittelfeld kein Glück. Dabei war ihr Auftritt gar nicht schlecht. Eleganter Hosenanzug, ein Hauch von James Bond-Atmosphäre in der Choreografie und von der Erkältung, die sie die Woche über geplagt hatte, war nichts mehr zu spüren.

ESC „Es hat trotzdem super viel Spaß gemacht“, behauptete sie zwar nach der Show in einem kurzen Statement. Aber zumindest für die knapp 60 Minuten, in denen die Punkte vergeben wurden, dürfte das nicht stimmen: Denn das Publikum, dem sie zu Beginn des Songs „Black Smoke“ den Rücken zugewandt hatte, zeigte ihr die kalte Schulter. Null Punkte. Das hat es für Deutschland zuletzt 1965 gegeben, als Ulla Wiesner aus Werl in Neapel fragte: „Paradies, wo bist du?“

Der spätere strahlende Sieger Måns Zelmerlöw – er war sieben Startplätze vor der Hamburgerin Ann-Sophie auf die Bühne der Wiener Stadthalle gestürmt, und man weiß nicht, was die Zuschauer mehr begeistert hat. Sein Song „Heroes“, der stark an eine David-Guetta-Nummer erinnerte oder der von Star-Choreograph Fredrik Rydman entworfene Tanz mit computeranimierten Strichmännchen und Wischeffekten, mit denen er seinen Auftritt unterlegte. „Effekthascherei“ haben das einige genannt, aber das ist natürlich Unsinn. „Gute Idee“ trifft es besser, auch wenn die technische Spielerei auf dem Fernsehschirm besser gewirkt haben dürfte als in der Halle.

Zelmerlöw lieferte sich Rennen mit Polina Gagarina

Bei der Punktevergabe lieferte sich Zelmerlöw dann lange Zeit ein Kopf-An-Kopf-Rennen mit der russischen Kandidatin Polina Gagarina und ihrer Weltverbesserungs-Hymne „A Million Voices". Zur Halbzeit der Stimmabgabe sah die Russin noch wie die sichere Siegerin aus, dann aber zog der 29-jährige Schwede an ihr vorbei und baute seinen Vorsprung immer weiter aus. Dritter wurde Italien mit dem Trio Il Volo. „Wir sind alle Helden, egal, wen wir lieben, mit wem wir zusammen sind, wer wir sind“, sagte Zelmerlöw, als er die Siegertrophäe, ein Glasmikrofon, in die Höhe reckte.

Für Schweden ist es nach 1974, 1984, 1991, 1999 und 2012 bereits der sechste Erfolg. Nur Irland war mit bisher sieben Siegen noch erfolgreicher. Wahrscheinlich am 14. Mai kommenden Jahres wird der ESC 2016 deshalb wohl in Stockholm stattfinden.

Für Deutschland kann es nur noch besser werden

Deutschland wird wieder dabei sein. Aber beim NDR, der den Wettbewerb in der ARD betreut, wird man sich die Frage gefallen lassen müssen, ob das Auswahlverfahren für den ESC der letzten Jahre beibehalten werden kann. Einen Vorteil immerhin hat dieser letzte Platz ohne einen einzigen Punkt: Es kann nur noch besser werden.

Und Deutschland steht ja auch nicht alleine da. Bis auf Italien sind auch die anderen großen Geldgeber des Wettbewerbs, Spanien, England und Frankreich wieder einmal nur auf den hinteren Plätzen gelandet. Zahlen dürfen sie, feiern aber tun seit Jahren nur die anderen.