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Kindertheater

Wenn Weihnachtsmärchen die Generationen entzweien

04.12.2012 | 17:17 Uhr
Knusperhexe im Stil unserer Theaterzeit: Szene aus „Hänsel und Gretel“ am Musiktheater Gelsenkirchen.Foto: Pedro Malinowski

Essen.   Oma und Opa kennen das Knusperhäuschen noch aus Lebkuchen. Aber plötzlich sieht es eher wie ein Schnellimbiss aus – und die Hexe erinnert an „Dame Edna“. Moderne Inszenierungen nehmen manchem Weihnachtsmärchen den klassischen Zauber. Theatermacher sagen: „Die Kinder sehen das ganz erstmal absolut offen“.

Jahresende ist Kindertheaterzeit. Intendanten haben gute Gründe, sie zu nutzen. Der Zustrom senkt den Altersschnitt, man kann spielend Besuchernachwuchs heranziehen und die Auslastung steigern. Kein Ensemble ohne Weihnachtsmärchen, es schlägt die Stunde hoher Erwartungen, kleiner Enttäuschungen und einer Meinung übers aktuelle Theater, in der sich die Generationen nicht ganz einig scheinen. Ein Blick aufs Rollenspiel zwischen Brüdern Grimm und Grips-Theater.

Ein Theater in Hessen: Die Dramaturgin Frau G. ist zerknirscht. Auch in diesem Jahr hat die Grundschule fürs Weihnachtsmärchen keine Karten bestellt. Das geht seit acht Jahren so, „seit Hänsel und Gretel“. Da hatte ein Regisseur das Märchen aus Kinderleid und Lebkuchen ins Milieu des 21. Jahrhundert gestellt: Hänsel war Hartz IV. „Die Lehrer sind uns aufs Dach gestiegen“ - und waren nachtragend. Das Pfefferkuchenhaus sah einem McDrive ähnlich.

„Das Weihnachtsmärchen ist eine heilige Kuh“

„Das Weihnachtsmärchen“, sagt uns eine Theaterpädagogin, die nicht genannt werden möchte, „ist vor allem für Erwachsene eine heilige Kuh. Da steckt viel Nostalgie drin, Emotion, Erinnerungen ans eigene Kindsein.“ Und darum, sagt sie, stoße so ein Theater an, vor allem bei „Lehrern, Eltern, Großeltern, die sind sauer, wenn Peterchens Mondfahrt plötzlich vor der Videokonsole endet. Es könnte uns egal sein, denn wir machen ja Theater für Kinder. Aber es sind Erwachsene, die die Karten kaufen.“

Ein Theater in Niedersachsen: Der Regisseur B. hat eine Art Morddrohung erhalten. Er ist Regisseur eines Kindertheaterstückes über eine kleine Piratin. Es geht wild zu. Ein Freibeuter setzt sich vor dem Publikum aufs Klo und macht. Und als die Piratin gefangen wird, steht ein Galgen auf der Bühne. Der Regisseur bekommt einen anonymen Brief: „Wenn Sie diesen Galgen nicht aus der Nähe sehen wollen, entfernen Sie ihn von der Bühne eines Kinderstückes.“

Erwachsene sehen Tabubrüche - und ärgern sich mitunter darüber

Auf Tabubrüche reagieren vor allem Erwachsene. Mal wütend, mal entsetzt. Manche gehen auf Nummer sicher und besuchen Laienaufführungen von Volksbühnen. Die sind zwar nicht professionell, aber verlässlich nah an dem dran, wie es bei Grimm im Buche steht. Ist das also ein Thema nur für Große?

„Kinder“, sagt Martina van Boxen, die seit 2005 erfolgreich das „Junge Schauspielhaus“ am Bochumer Theater leitet, „haben erstmal keine Erwartungen. Sie sind absolut offen.“ Man könne mit Kindern sehr weit gehen. Aber als Theatermacher müsse man sie ernst nehmen.Wenig Spielraum gebe es dagegen in anderen Dingen. Kinder entschieden sehr rasch, ob Theater sie banne oder eben nicht: „Sie sind schonungslos. Wenn sie was nicht interessiert, bekommen die Schauspieler das direkt zu spüren. Kinder als Zuschauer müssen im Theater sofort gepackt werden, damit sie bei der Stange bleiben.“

Vom Geist der Weihnacht

Ein Theater in Oberhausen. Die Regie verlegt das „Dschungelbuch“ ins Ghetto der Großstadt. Lorenz (8) erinnert sich an die Vorstellung: „Wir sollten ja eigentlich das Dschungelbuch sehen. Das war das aber gar nicht. Das spielte in einer Stadt, auch auf den Dächern, da war alles grau. Komisch.“

„Man muss mit den Kindern darüber reden“

„Über manche Stücke muss man einfach mit den Kindern reden, über den Sinn, das so zu machen“, sagt Martina van Boxen. „Kinder kriegen ja mit, dass es in der Welt Probleme gibt: Armut, Ungerechtigkeit. Und sie machen sich darüber Gedanken.“ Darum verstehe sie Theater nicht bloß als Kinderbelustigung, „das beleidigt die Intelligenz der Kinder“. Doch räumt die Theatermacherin ein, dass es Geschichten, die durch Filme und Comics bekannt sind, schwer haben. „Da kann die Erwartungshaltung schon sehr stark sein. Aber wir haben auch eine andere Aufgabe. Theater ist ästhetische Bildung.“

Einträge aus Gästebüchern:

  • Lina (8): „Die Hexe war gar nicht tot. Ich habe auf dem Balkon gesessen und genau gesehen, wie sie hinten wieder aus dem Ofen rausgeklettert ist.“
  • Jonas (9): „Das Theaterstück war sehr gruselig, aber der schönste Nachmittag in meinem Leben.“

Lars von der Gönna

Kommentare
09.12.2012
14:29
Wenn Weihnachtsmärchen die Generationen entzweien
von scouti | #12

Die Kinder sollten zuerst die ursprüngliche Form der alten Märchen und Geschichten anschauen. da dies zumeist Schulveranstaltungen/-vorführungen sind...
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Wenn Weihnachtsmärchen die Generationen entzweien
Wenn Weihnachtsmärchen die Generationen entzweien
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2012-12-04 17:17
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