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„Es lebe der Unterschied!“

26.12.2012 | 19:11 Uhr
Der Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale), Dieter Kosslick, kämpft jedes Jahr um Filme.Foto: dapd

Berlin.   Filmpiraterie bringt auch das Publikumfilmfestival in Berlin in Schwierigkeiten. Der Berlinale-Chef Dieter Kosslick sieht darin einen Grund, warum künftige Oscar-Gewinner nur noch selten auf der Festival-Leinwand zu sehen sind. Ein Gespräch.

Am 7. Februar 2013 beginnen die 63. Berliner Filmfestspiele, seit Mai 2001 steht das neben Cannes und Venedig bedeutendste Festival unter der Leitung von Dieter Kosslick (64). Thematische Schwerpunkte des weltweit größten Publikumfilmfestivals sind diesmal die Auswirkungen von Krisen auf Familien sowie das Kino der Ureinwohner. Außerdem ist Til Schweiger erstmals auf dem Festival vertreten. Dieter Oßwald unterhielt sich mit Dieter Kosslick in der Ruhe vor dem Sturm.

Herr Kosslick, einmal mehr gab es 6 000 Kandidaten für die Berlinale. Was sind die Themen des Festivals 2013?

Stars bei der Berlinale

Dieter Kosslick: Wir beschäftigen uns in einer Sonderreihe mit dem indigenen Kino, also Filmen von Ureinwohnern, ob Aborigines, Maori oder Indianern und verfolgen damit das bewährte Berlinale-Motto: ‚Es lebe der Unterschied!’. Zudem spielt der Dokumentarfilm eine große Rolle, unter anderem durch die Ehrung des „Shoah“-Regisseurs Claude Lanzmann. Auffallend ist zudem, dass viele Filme nicht mehr davon handeln, wie Katastrophen und Krisen passieren, sondern von deren Folgen: Die Kollateralschäden bei Familien, Kindern oder Beziehungen.

Welche Kollateralschäden verursacht der Oscar für die Berlinale? Spielberg, Tarantino, Bigelow oder Zemeckis starten im Januar im Kino statt auf einem der weltweit wichtigsten Festivals?

Die 63. Berlinale vom 7. bis 17. Februar 2013 verspricht erneut ein glanzvolles Festival der Stars zu werden.Foto: dapd

Kosslick: Solche Regisseure wünscht sich jedes Festival, aber wir können unseren Roten Teppich ja nicht beliebig verlegen. Oscar-Kandidaten müssen vor Weihnachten in den US-Kinos laufen. Wegen drohender Filmpiraterie können es sich die Studios nicht erlauben, mit den internationalen Starts zu warten. Das ist bedauerlich, dennoch werden wir ausreichend gute Hollywood-Filme und Stars in unserem Programm bieten.

Gibt es Überlegungen, als Festival den A-Status der absoluten Exklusivität zugunsten einer größeren Auswahl von Filmen aufzugeben?

Kosslick: Man opfert nicht Jacke und Hose in der Hoffnung, danach bessere Klamotten geschenkt zu bekommen. Die Berlinale behält auf alle Fälle weiter ihren A-Status als Festival, daran wird sich unter meiner Führung sicher nichts ändern. Wir sind das weltgrößte Publikumsfestival – da kann man nicht mit der kleinen Schöpfkelle arbeiten.

Welche drei Qualitäten benötigt ein Film, um tauglich für die Berlinale zu sein?

Kosslick: Er muss interessant sein, er muss besonders sein und er muss etwas haben, was bei den Menschen hängen bleibt. ‚Hast du den Film von gestern noch im Kopf?’ – und wenn das bejaht werden kann, ist das schon einmal ein erster guter Schritt in die richtige Richtung.

Ab wie vielen Minuten Laufzeit weiß man, ob sich ein Film lohnt?

Kosslick: Es gibt Filme, da muss man die erste halbe Stunde abwarten, bevor es losgeht. Sehr viel länger sollte es allerdings nicht dauern, weil sonst ja nicht mehr viel Zeit übrig bleibt. Früher den Mut aufgeben darf man eigentlich nur bei ganz extremen Notfällen.

Welche Chancen hat Deutschlands kommerziell erfolgreichster Filmschaffender Til Schweiger als Berlinale-Kandidat? Scheidet ein „Kokowääh 2“ vorab automatisch aus oder wird er angeschaut?

Kosslick: Es könnte durchaus so sein, dass Til Schweiger erstmals auf der Berlinale – zumindest als Schauspieler – vertreten sein wird! Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten.

Warum fehlt „Quellen des Lebens“, der neue Film von Oskar Roehler, der immerhin schon dreimal auf der Berlinale vertreten war?

Kosslick: Oskar Roehler wird in diesem Jahr auf dem Max Ophüls-Festival von Saarbrücken ganz zu Recht für sein Gesamtwerk geehrt. Das deutsche Kino wird dennoch umfangreich bei uns vertreten sein.

Hollywood dreht lieber denn je mit deutschem Fördergeld in Berlin. Sollte ein Festival nicht automatisch ein Vorkaufsrecht für den Festivaleinsatz bekommen?

Kosslick: Nein, das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass wir geförderte Filme auch gefälligst auf dem Festival zeigen. Viel lieber nutze ich die Möglichkeiten, Leute direkt zu treffen, wenn sie zu Dreharbeiten in Berlin weilen. Wenn etwa George Clooney ins „Borchardt“ zum Essen geht, spreche ich ihn an, um ihn an die Berlinale zu erinnern.

Dieter Oßwald


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