Es lebe der "Flicken-Look"
05.03.2009 | 16:57 Uhr 2009-03-05T16:57:00+0100Berlin. Seit Kriegsbeginn war das Neue Museum geschlossen. Von Bomben und Beschuss zerstört, wurde der 1855 eingeweihte Kunsttempel auf der Berliner Museumsinsel nie wieder eröffnet. Pläne zur Restaurierung entstanden erst nach der Wende. Jetzt steht das Neue Museum vor der Wiedereröffnung.
Gestern fand im Beisein von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Architekt David Chipperfield die Schlüsselübergabe statt.
Bevor Königin Nofretete, der Goldene Hut und der Xantener Bronzeknabe in ihre neue Heimat, bevor die Schätze des Ägyptischen sowie des Museums für Früh- und Vorgeschichte einziehen, darf das Publikum drei Tage lang (bis Sonntag) die noch leeren Räume besichtigen.
Eigentlich könnte die Freude groß sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn in Berlin wird wieder heftig gestritten. Aufgewärmt wird eine Debatte, die bereits vor anderthalb Jahren bei der ersten Baustellen-Begehung aufbrandete.
Das vom britischen Architekten David Chipperfield durchgesetzte Konzept setzt auf „historische Ehrlichkeit”. Kriegswunden und Verfall werden nicht überdeckt, sondern konserviert und mit zeitgenössischen Elementen kombiniert.
Im einst prächtig ausgestatteten Treppenhaus hat Chipperfield sein Konzept am sichtbarsten umgesetzt: Wo früher Wandmalereien und Dekor der Antike huldigten, steht nun, von gelben Ziegelstein-Wänden flankiert, ein riesiger Aufstieg aus schlichtem weißen Beton.
Ein erster Rundgang zeigt: Überall Gewölbe ohne klassischen Zierrat, Wände ohne glättenden Putz. Böden wurden gesäubert, Fresken freigelegt, das Vorhandene wurde vorsichtig erhalten, das Fehlende zurückhaltend ergänzt.
„Geschichte als
Hollywood-Film”
„Ergänzende Wiederherstellung” nennt Chipperfield sein Konzept, bei dem es keine gefällig verkleideten Räume mehr gibt, sondern die rissigen, brüchigen Zeit-Schichten und die Architektur selbst ausgestellt wird. „Ich bin nicht der Schinkel des 21. Jahrhunderts”, sagt Chipperfield von sich. Er entgegnet den Kritikern, die gern Preußens Glanz und Gloria in originalgetreuer Rekonstruktion wieder hätten: „Diese Nostalgiker sehen Geschichte als Hollywood-Film.”
Die sich in der „Gesellschaft Historisches Berlin” sammelnden Kritiker, darunter Promis wie Günther Jauch, verspotten Chipperfield als „Ruinen-Romantiker”, halten die 200-Mio.-Restaurierung für einen „Schildbürgerstreich”. Sie prangern „künstliche Brutalisierung und totale Zerschlagung” an, sprechen von „Verunstaltung” und „Barbarei”. In einer zur Schlüsselübergabe veröffentlichten Erklärung schimpfen sie: „Das Kunstwerk Stülers wurde ohne Not geopfert.”
Hermann Parzinger, Hausherr und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sieht das anders. Mit Blick auf die vorsichtig freigelegten Wandmalereien im Bacchussaal, die mit modernen Bau-stoffen aufgefüllten Gewölbe im Mittelalterlichen Saal und die von den Narben des Krieges angefressenen Säulen des Römischen Saals, meinte er, Chipperfield sei ein „Wunder” gelungen: Er habe das Haus „nicht nur wieder funktionstüchtig gemacht”, sondern auch „als ein Juwel wiedererstehen lassen”.
Bauminister Tiefensee, Kulturstaatsminister Bernd Naumann und Bürgermeister Wowereit sahen das genauso und bedankten sich beim Architekten.
In einer Online-Umfrage einer Berliner Zeitung zeigte dagegen Volkes Stimme, was sie von Chipperfields „Flicken-Look” hält: nichts. Mehr als 80 Prozent wünschen sich ein originalgetreu wirkendes Haus.
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