„Es ist ein schmuddeliger Text“

München..  Der Historiker Christian Hartmann hält die geplante kritische Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzbuch „Mein Kampf“ für eine „nationale Aufgabe“. Mit dem Auslaufen des Urheberschutzes zum Jahresende, 70 Jahre nach Hitlers Todesjahr, könne auch in Deutschland jeder das Buch einfach nachdrucken. Deshalb sei die wissenschaftlich kommentierte Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) so wichtig, weil sie „Hitlers Polemik gründlich auseinandernimmt. Das ist ja eine nationale Aufgabe, wenn man so will“, sagte Hartmann dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“.

In den 1920er-Jahren habe Hitlers Buch den Zeitgeist getroffen. Aber „keiner, der es heute liest, wird dadurch zum Nazi“, sagte der am IfZ arbeitende Historiker. „Pünktlich nach Ablauf des Urheberrechts wird unser Buch verkauft: Hitlers Originaltext mit unseren Anmerkungen. Wir haben mehr als 3500 Fußnoten geschrieben und Hitler in Hunderten Details widersprochen.“ Das Buch sei eine der wichtigsten Quellen, um Hitlers Weltsicht zu verstehen. „Ich habe mich zutiefst geschämt, dass wir Deutschen auf so etwas Dürftiges hereingefallen sind“, sagte Hartmann.

Die kommentierte Ausgabe will vor allem Hitlers Argumente widerlegen. „Es ist eine gewaltige Freude, ja Rache“, sagte Hartmann. „Ich habe manchmal das Gefühl: So, jetzt habe ich ihn im Fadenkreuz.“ Hitler argumentiere „auf Stammtischniveau“. „,Mein Kampf’ ist ein schmuddeliger Text. Ein Entwicklungsroman, bei dem die Liebe fehlt.“

Urheberrechte laufen aus

Das IfZ will seine kommentierte Ausgabe voraussichtlich Anfang Januar 2016 veröffentlichen. Ende 2015, gut 70 Jahre nach Hitlers Tod, laufen die Urheberrechte aus, die der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlages innehat. Der Freistaat Bayern hatte das Projekt der kommentierten Ausgabe zunächst gefördert – bis Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) es sich überraschend anders überlegte und das Geld strich. „Ein Nackenschlag“, sagt Hartmann.

Die Justizminister der Bundesländer haben inzwischen entschieden, die unkommentierte Verbreitung von „Mein Kampf“ solle auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist durch den Strafbestand der Volksverhetzung in Deutschland verboten bleiben. Bei kommentierten Ausgaben müsse man sich das im Einzelfall anschauen, heißt es aus dem bayerischen Justizministerium. Im Zweifel müssten dann Gerichte entscheiden. Beim IfZ hat man keine Sorge vor juristischen Auseinandersetzungen. „Wir arbeiten unter Artikel fünf des Grundgesetzes, der Freiheit der Wissenschaft“, sagte Hartmann dem Magazin.

„Das Cover wird aussehen wie die Architektur unseres Instituts: grau. Der Titel ist schlicht: ,Hitler -- Mein Kampf. Eine kritische Edition’“, sagte Hartmann dem SZ-Magazin. „Adolf haben wir weggestrichen, weil es so etwas Persönliches, fast schon Devotes hat. Wir wollen uns von Hitler distanzieren, in jeder Form, auch optisch.“

Für immer mit Hitler verbunden

Wenn die Arbeit an der Edition beendet sei, reiche es ihm erstmal mit Hitler, sagte Hartmann. Er fürchte aber, er werde ihn nie wieder loswerden. „Mein Name wird bei Google für immer mit Hitler in Verbindung stehen. Auch nicht schön.“