Es beginnt als Abenteuer, es wird ein Albtraum

Jonas (Ben Litwinschuh) beobachtet die Spinne im Kindergarten
Jonas (Ben Litwinschuh) beobachtet die Spinne im Kindergarten
Foto: Missing Films
Was wir bereits wissen
Starkes Spielfilmdebüt: Mara Eibl-Eibesfeldts „Im Spinnwebhaus“ erzählt von Kindern, deren Eltern sie allein lassen - kein Abenteuer-Spielplatz.

Es beginnt wie ein Abenteuer. Ei­gentlich will die überforderte Sabine ihre drei Kinder nur für ein paar Tage allein in ihrem Haus zurücklassen. Der zwölfjährige Jonas, ihr Ältester, soll die Rolle des Erwachsenen einnehmen: ein Kinder-Spiel.

Nur werden in Mara Eibl-Eibesfeldts Spielfilmdebüt „Im Spinnwebhaus“ aus Tagen schnell mehrere Wochen. Das Geld, das die von Sylvie Testud gespielte Sabine zurückgelassen hat, geht genauso aus wie die Essensvorräte. Das Abenteuer erweist sich für Jonas, der seine Geschwister beschützen will, als Albtraum.

Den Erwachsenen kann Jonas nicht vertrauen. Würde bekannt, dass Sabine verschwunden ist, kämen die Kinder ins Heim. Mit einem monatlichen Scheck ist für ihren Vater alles getan, mehr will er in die drei nicht investieren. Hilfe findet Jonas nur bei einem jungen Mann, dem er bei seiner nächtlichen Suche nach Essen begegnet. Der oft in Reimen sprechende Felix Graf von Gütersloh (Ludwig Trepte) lebt allem Anschein nach auf der Straße und weigert sich, erwachsen zu werden.

Zunächst erinnert „Im Spinnwebhaus“ zwar noch an die Filme der Dardenne-Brüder. Wie sie erzählt auch Mara Eibl-Eibesfeldt in eindrucksvollen Bildern von der Einsamkeit und Kälte der heutigen Welt, die Kinder immer am härtesten trifft. Doch nach und nach weicht der Realismus aus Jürgen Jürges’ atmosphärischer Schwarzweiß-Fotografie. Das Drama um drei verlassene Kinder verwandelt sich in ein modernes Märchen. Nur haben diesmal die Eltern ihren Weg verloren und finden nicht mehr zurück. Währenddessen legen sich überall im Haus Spinnweben über Wände und Möbel.

Die Wirklichkeit der Kinder erhält eine poetische Dimension. Die Spinnweben scheinen sie zu schützen. In dem kleinen Reich der Geschwister haben die Erwachsenen keine Macht mehr. Aber zugleich haben sich die drei auch selbst in den allgegenwärtigen Spinnennetzen verfangen. So bleibt in Mara Eibl-Eibesfeldts bemerkenswertem Erstling, der die Grenzen des traditionellen Kinderfilms auf überraschende Weise sprengt, alles in der Schwebe.