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Kultur

Erste Liebe zwischen den Trümmern

13.08.2007 | 11:22 Uhr

Grimme-Preisträger Friedemann Fromm dreht fürs ZDF ein dreiteiliges Doku-Drama über die deutsche Nachkriegszeit

Über Akif Pirinçci muss man nicht streiten. Die ihn lieben, lieben ihn. Und die ihn nicht lieben, tippen sich an die Stirn.

Allein, dass er sich dem Genre des Katzenkrimis widmet, desavouiert ihn nach Ansicht seiner Kritiker. Wobei "desavouieren" im Wortschatz des Detektivkaters durchaus vorhanden sein dürfte. Denn Francis, auch "Klugscheißer" genannt, hat nicht nur spöttischen Witz, er ist scharfsinnig, gutherzig und gerecht. Schon deshalb wäre ein menschlicher Protagonist undenkbar. Er wäre völlig unglaubwürdig.

"Felidae", das erste Buch, habe ich damals geschenkt bekommen. Die Menschen meiner Umgebung wissen, dass ich keine Kriminalromane lese. Ich mag keine zerstückelten Leichen. Hier aber handelte es sich um Katzenleichen, was zwar auch nicht erfreulich ist, dem Ganzen aber genug ironische Distanz gibt, um sich an der intelligenten Geschichte zu berauschen. Doch, ich bleibe dabei. Berauschen.

Denn Pirinçci, der in Istanbul zur Welt kam und in der Eifel aufwuchs, schreibt mit bestürzendem, oft surrealem Witz. Immer wieder verschiebt sich die an sich schon gebrochene Realität, in der ein Kater in wohlgesetzten Worten mit Seinesgleichen spricht oder seinem tumben Menschen, Gustav, dem Dosenöffner, seine Wünsche gestisch verklickert. Dann kippt das Szenario und wird zum erzählten Comic. Unvergesslich, wie Francis sich bei der Verbrecherjagd mit der Kralle an der Autoantenne festhielt und waagerecht durch die Luft neben dem Auto herflog. Oder, um endlich auf den jüngsten Roman zu kommen: wie eine Schar debiler Alter, die Francis versehentlich aus dem Irrenhaus befreit hat, sich in sämtliche Monster Breughels verwandelt.

"Schandtat" heißt dieser Roman, und weil Pirinçci einen erfreulichen Hang zur Lebensnähe hat, ist Francis inzwischen ganz schön alt. Sein cleverer Sohn Junior gehört nun zur Wohngemeinschaft in Gustavs renoviertem Altbau, und er fragt auf der ersten Seite: "Wie wurdest du so, wie du jetzt bist, Paps?"

Francis erzählt es ihm, oder vielmehr erzählen sie beide, denn mitten in der Geschichte schläft der Alte ein und der Junge zieht los, den geheimnisvollen Brunnen zu erkunden, in den der Alte, damals Junge, fiel. Natürlich ist er das Tor zu einer anderen Welt. Auf den Spuren des Vaters gerät Junior in Gefahr, Francis erwacht und sucht den Jungen, beide erzählen abwechselnd, und um die Verwirrung komplett zu machen, fügt Francis auch noch den Rest der Geschichte ein, wie sie damals, vor 17 Jahren stattfand.

Kein Wort weiter zu der Geschichte, sie ist glänzend erzählt, spannend und tiefsinnig wie immer. Wer Akif Pirinçci liebt, wird "Schandtat" verschlingen und am Ende wissen, was Francis mit Goethe zu tun hat. Nur soviel: Der Täter ist ein ganz Großer und einige seiner Schandtaten bestehen aus Sätzen wie: "Hast du ein Kind, dann lass es vom Staat versorgen oder am besten gleich verhungern . . . schau weg, wenn am Arsch der Welt millionenfach terrorisiert, vergewaltigt, gefoltert und massakriert wird . . . küsse stets demjenigen den Hintern, der dir die meisten Vorteile verschafft . . .

Wer wirklich hinter allem steckt, geht einem erst auf, wenn man das Motto des Romans liest. Es ist von Pink Floyd und lautet: "Eigentlich gibt es keine dunkle Seite des Mondes; in Wirklichkeit ist es überall dunkel." O Gott, ja. Und man weiß plötzlich, dass dies kein Krimi ist, sondern eine Klage.

Akif Pirinçci: Schandtat. Diana Verlag; 18, 95 E

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