Er hatte den Mut zum Risiko
23.08.2007 | 04:57 Uhr 2007-08-23T04:57:17+0200Der Theatermacher Kurt Hübner ist tot. Er ebnete Regie-Stars wie Zadek, Stein und Neuenfels den Weg
Als Kurt Hübner im Jahr 2000 den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum erhielt, hätte die Begründung kaum treffender lauten können. Hübner sei stets "ein Exempel für Streitkultur und Unbeugsamkeit gegenüber Politik und Öffentlichkeit" gewesen.
Ohne Hübners großen Mut zum Risiko, und ohne die Bereitschaft, Ideen und Überzeugungen gegen den oft erbitterten Widerstand der Kulturbürokratie und eines Großteils des Publikums durchzusetzen, hätte eine radikale Erneuerung des deutschen Stadttheaters vielleicht irgendwann einmal, vielleicht aber auch gar nicht stattgefunden. Ja mehr noch: Indem Hübner - der, wie jetzt bekannt wurde, bereits am Dienstag im Alter von 90 Jahren in München gestorben ist - dem modernen Theater in Deutschland den Weg ebnete, schrieb er zugleich eines der wichtigsten Kapitel des europäischen Theaters im vergangenen Jahrhundert.
Die zentralen Kapitel dieser Geschichte spielen in den 60er und frühen 70er Jahren, als der gebürtige Hamburger als Intendant des Bremer Theaters kompromisslos daran ging, Freiräume für große Bühnentalente zu eröffnen. Schon in seiner Zeit als Ulmer Intendant hatte der ehemalige Schauspieler, Regieassistent, Regisseur und Chefdramaturg nicht nur gern Peter Palitzsch geholt, der die Stücke seines im Westen verpönten Lehrmeisters Brecht inszenieren durfte, sondern auch einem "Nobody" namens Peter Zadek die Chance zu ersten großen Arbeiten gegeben. In Bremen (1962 - 1973) schritt Hübners Theaterrevolution endgültig mit Siebenmeilenstiefeln voran. Unter ihm - der später nie darunter litt, weniger bekannt zu sein als jene, die er gefördert hatte - begannen die Karrieren von Regisseuren wie Peter Stein und Klaus Michael Grüber, Hans Neuenfels, Johann Kresnik oder Rainer Werner Fassbinder, von Schauspielern wie Edith Clever, Bruno Ganz, Hannelore Hoger, Traugott Buhre, Otto Sander, Vadim Glowna. Umstrittene Inszenierungen entstanden, die allmählich ein neues Klassiker-Verständnis einleiteten: Zadeks scheinbar respektlose Umsetzung von Shakespeares "Maß für Maß" in einen Comic-Strip etwa oder Steins Deutung von Goethes "Tasso" als aktuelles Künstlerdrama. Und Wilfried Minks, wie Karl-Ernst Hermann längst selbst angesehener Regisseur, schuf für diese Marksteine der Theatergeschichte nicht minder revolutionäre Bühnenbilder, die ihre ungewohnte Ästhetik aus der zeitgenössischen Popkultur filterten.
Die in Bremen erfolgreich praktizierte Revolutionierung des Stadttheaters griff bald auf andere Bühnen im Lande über, und Kurt Hübner selbst, der in seinen eigenen Inszenierungen eher die Versöhnung zwischen Tradition und Innovation suchte, nahm 1973 den "Bremer Stil" mit an die Freie Volksbühne Berlin, wo ihn schließlich 1986 sein alter "Zögling" Hans Neuensfels als Intendant ablöste.
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