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Engelsblond und ernst

13.02.2008 | 19:21 Uhr

Berlin. Die "größte Disco-Diva aller Zeiten", wie der Berliner "Tagesspiegel" kürzlich Madonna nannte, hat am Mittwoch beim Festival ihren ersten eigenen Film als Regisseurin vorgestellt. ...

... Und sie zeichnet bei dem 80-minütigen Streifen "Filth and Wisdom" (Schmutz und Weisheit) gleich auch für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich.

Die Erwartungen an die eigenen Arbeit setzt sie dabei ganz oben an: "Ich habe mich von Godard, Visconti, Pasolini und Fellini inspirieren lassen und hoffe, dass ich eines Tages ihrem genialen Schaffen sehr nahe komme", meint sie selbstbewusst. Wer den Film sieht, kann in derartigen Äußerungen kaum mehr als gelinden Größenwahn erkennen. "Filth and Wisdom" ist ein grottenschlechtes Machwerk, ein anarchischer Undergroundfilm mit unappetitlichen Szenen und grölender Musik.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen ein Rockmusiker, der sich als perverser Lustjunge verdingt und zwei Mädchen. Die eine arbeitet in der Apotheke und träumt von einem Leben als Entwicklungshelferin, die andere möchte zum Ballett und muss sich mit einem Job als Stripperin an der Stange begnügen.

Der gebürtige Ukrainer Eugen Hutz spielt den Musikus, über den Madonna in Berlin sagt, sie habe ausnahmslos schmutzige Worte von ihm gelernt. Entsprechend darf man ihn sich also vorstellen, doch macht schlechtes Benehmen weder einen guten Schauspieler noch einen passablen Film.

Dennoch wird Madonna wie eine Ikone gefeiert: Die Dame mit Jahreseinnahmen von mehr als 70 Millionen Dollar kommt kurz im Privatjet von London nach Berlin gejettet und betont, dass sie "unkonventionelle Dinge mag". Das erklärt ihren Film, macht ihn aber dennoch nicht besser.

Als schlechteste Schauspielerin ist Madonna wiederholt schon ausgezeichnet worden, nun versucht sie es als Regisseurin auf ähnlicher Qualitätsebene. Immerhin gibt sie sich beim Interview recht verbindlich, eher eine seriöse Geschäftsfrau denn ein ausgeflippter Pop-Star. "Man kann Erleuchtung finden", soll der Streifen dem Publikum vermitteln, erklärt sie und glaubt wahrscheinlich selbst, was sie da sagt.

Mit engelsblonder Mähne schaut sie ernst und konzentriert in eine Welt, die sie schon in wenigen Stunden wieder per Jet verlassen wird. "Sentimentalität ist nur eine Falle", hat Madonna einmal behauptet. Entsprechend sollten auch alle Madonna-Fans falsche Sentimentalitäten meiden und um diesen Film einen großen Bogen machen. Er lohnt wirklich nicht.

Aber es gab ja gottlob noch einen ganz anderen, völlig unerwarteten Höhepunkt im Festival-Programm: Es gab tatsächlich etwas zu lachen. Regisseur Mike Leigh schenkte der schon weitgehend entwöhnten Berlinale-Gemeinschaft mit seiner großartigen Komödie "Happy-Go-Lucky" (Unbeschwert) zwei wunderbar humorvolle Stunden.

Der 65-jährige Brite, der 1996 in Cannes die Goldene Palme bekam ("Lügen und Geheimnisse) sowie 2004 mit "Vera Drake" den Goldenen Löwen in Venedig abholte und dafür auch noch drei Oscar-Nominierungen einfahren konnte, kam jetzt mit einer fröhlich-leichten Geschichte nach Berlin, die doch kein bisschen platt oder angestrengt wirkt.

Es geht um die stets gutgelaunte Grundschullehrerin Poppy, die ihre Umwelt in London zumeist mit ansteckendem Frohsinn versorgt. Erst als sie den Führerschein machen will, stößt auch sie an ihre Grenzen der unermüdlichen Gutartigkeit, denn der Fahrschullehrer entpuppt sich als durch und durch missmutig und extrem resistent gegenüber allen Versuchen, dies zu ändern.

Aber "Happy-Go-Lucky" ist viel mehr als bloß lustige Unterhaltung mit Lach-Garantie. Nach und nach zeichnet dieser kompakte, wohl komponierte Film eine Charakterstudie, die dem Zuschauer den Spiegel der eigenen Miesepetrigkeit vor Augen führt und ihn ermuntert, das eigene Leben nicht mit selbstzerstörerischem Pessimismus zu vergeuden.

Hauptdarstellerin Sally Hawkins brilliert als stets vergnügte Poppy, die sich weder durch einen Kater noch durch Kreuzschmerzen, weder durch Fahrraddiebstahl noch durch den Schulalltag aus dem inneren Gleichgewicht bringen lässt. Eine wirklich bewundernswerte Lebenskünstlerin, jedoch wohl eher einem phantastischen Märchen denn der rauen Wirklichkeit entliehen.

Von Andreas Thiemann

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