Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Valentinstag

Eine vergangene Liebe kommt unter den Hammer

12.02.2010 | 14:43 Uhr
Eine vergangene Liebe kommt unter den Hammer

Dortmund.Die Geschichte ist alt. Mädchen und Junge kommen zusammen und trennen sich wieder. Neu an der Liebesgeschichte von Autorin Leanne Shapton ist, dass sie in Form eines Auktionskatalogs erzählt wird. Ein bezauberndes Buch über das, was von der Liebe übrig bleibt.

Eine Liebesgeschichte völlig neu zu erfinden und zu erzählen, scheint vor dem Hintergrund einer Jahrtausende alten Tradition schwierig zu sein. Die Schriftstellerin Leanne Shapton hat es geschafft: „Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck“ erzählt die Geschichte eines Paares auf eine sehr ungewöhnliche Weise - in Form eines, der Titel lässt es schon erahnen, Auktionskatalogs.

Das Auktionshaus Strachan & Quinn, von der Autorin frei erfunden, präsentiert hier in Bild und Text persönliche Fotos, Kleidungsstücke, Auszüge aus E-Mail-Korrespondenzen, Postkarten, kleine Geschenke und Gegenstände, die die gemeinsame Geschichte von Lenore Doolan und Harold Morris erzählen - von ihrer ersten Begegnung auf einer Halloweenparty bis hin zur Trennung und Lenores Frage: „Hast Du jemals eine Beziehung beendet und es hinterher bereut?“ Die Versteigerung der Sammlung ist für Sonntag angesetzt, den 14. Februar 2010. Valentinstag. In New York. Fiktiv.

Aus Informationsfetzen eine Geschichte basteln

Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Buchprojekt kam Autorin Shapton vor drei Jahren, bei der Versteigerung von Truman Capotes Nachlass. Beim Durchblättern des Auktionskatalogs kam es ihr so vor, als handele es sich um die Autobiographie des berühmten Schriftstellers. Shapton greift dieses Gefühl auf und erzählt nun auf die gleiche Art eine Liebesgeschichte, eine inszenierte.

Leanne Shapton, Autorin des Buches "Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck", das am 23. Januar 2010 erschienen ist. Foto: Frantini

Sie funktioniert anders als ein Roman, ist nicht streng chronologisch erzählt, hat Lücken. Es gibt eben keinen Text, der die Objekte in Zusammenhang bringt. So bleibt dem Leser zwischen den Dingen nur die eigene Phantasie und die Lust, sich aus Informationsfetzen eine Geschichte zusammenzureimen und die Psyche der Hauptfiguren auszuloten.

Lenore ist eine Listenfrau: Zettel, Blöcke, Kassenbons, manchmal auch Buchseiten, sind ihr recht, um zu notieren, was sie am Tag gegessen hat, welche Gedanken ihr kamen, was noch einzukaufen ist – alles wild durcheinander. Er ist freischaffender Fotograf, viel unterwegs. Er ist hin und hergerissen, wie viel Nähe und Distanz er in einer Beziehung aushalten kann. Lenore vermissen und dann wieder eine Pause von ihr brauchen, wechseln sich ab.

Kramen in einer geheimen Schublade

Wenn er mal wieder in Venedig oder London weilt und sie in New York hockt, versuchen die beiden durch etliche Postkarten, Briefe und E-Mails, Nähe zu schaffen. In Auszügen manchmal auch vollständig sind sie in den Katalogbeschreibungen zu lesen. Und jedes Mal ist es so, als krame man in einer geheimen Schublade und werde Zeuge von etwas, das eigentlich einst nur den beiden Liebenden zugänglich war. Das ist der große Reiz des Katalogs. In seiner Nüchternheit der Darstellung, eine Beschreibung lautet zum Beispiel: „Ein Schlüsselanhänger von Tiffany aus Sterlingsilber. Einige Gebrauchsspuren und Kratzer. Originalverpackung erhalten. Breite 4 cm / $ 50-65“, liegt trotzdem so viel Intimität, an dem Anhänger baumelte der Schlüssel zu Harolds Wohnung mit der Bitte an Lenore, bei ihm einzuziehen, dass man beim Lesen fast ein schlechtes Gewissen haben möchte.

Pros und Contras der Liebe

INFO
Auktion im Internet

Die Auktion, die Leanne Shapton auf dem Cover ihres Buches aufführt, ist fiktiv. Sie hat dafür passenderweise den Valentinstag gewählt.

Man kann nun aber auch tatsächlich ein Objekt aus dem Katalog ersteigern, bei Ebay. Die Auktion läuft am Sonntag aus.

Es handelt sich bei dem Auktionsgegenstand (1136 - Eine selbstgebastelte Karte) um ein rotes Papierherz, das Harold Morris seiner Lenore Doolan einst zum Valentinstag schenkte. Das Herz ist 13 x 15 cm groß und mit Lyrics aus dem Song Nobody von Paul Simon beschrieben.

Der andere Reiz ist das Bekannte im Unbekannten. Obwohl die Geschichte ungewöhnlich aufgemacht ist, gibt es keine Berührungsängste mit den Personen. Weil jeder schon einmal das erlebt hat, was Lenore und Harold erleben. So findet man als Objekt 1105 einen handgeschriebenen Zettel von Lenore, auf dem sie die Pros und Contras von Harold auflistet. Und wenn sie ihm, wahrscheinlich zum sehr wiederholten Mal, ihre selbst gebackenen Kuchen kredenzt, dann hört sich Harolds Klage, sich wie ein Versuchskaninchen vorzukommen, irgendwie vertraut und verständlich an. Natürlich versteht es Lenore als Nicht-Wertschätzung ihrer Arbeit. Auch irgendwie typisch.

Bezaubernd wiederum ist, wenn er ihr zum Jahresende eine Liste seiner Lieblingsmomente des Jahres I schreibt. Punkt sieben von sieben: „Als Du in meinem Pulli und mit meiner Jacke vom Deli zurückkamst, um mir Neosporin zu holen.“ - einfach schön.

„Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck“ zeigt, was von der Liebe übrig bleibt, wenn sie längst vergangen ist. Gegenstände, die dem Außenstehenden bedeutungslos erscheinen, dem Liebenden und hier auch Lesenden aber eine Welt voll Gefühl und Erinnerung gewahr werden lassen. Eine kleine Kostbarkeit.

Sabrina Radeck

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3418733/create

Aktuelle Fotos und Videos
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.