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Eine Marienklage wie aus dem barocken Bilderbuch

17.01.2014 | 00:17 Uhr

Essen. Nein, im Gegensatz zum Dortmunder Auftritt vor einigen Wochen war es dieses Mal kein Abend der Unbekannten, den der französische Countertenor Philippe Jaroussky jetzt in der Essener Philharmonie gab. Pergolesis „Stabat Mater“ wurde vielfach eingespielt – zuletzt auch von Jaroussky selbst und der jungen Sopranistin Julia Leszhneva mit dem Ensemble „I Barocchisti“ unter Diego Fasolis.

In dieser Formation begeisterte der 35-Jährige, der seit Jahren zur Weltspitze seines Fachs zählt, das Publikum. Und auch die vorangestellte Psalmvertonung „Nisi Dominus“ des umtriebigen Vielschreibers und Pergolesi-Zeitgenossen Vivaldi dürfte nicht nur Jaroussky-Fans seit dessen Aufnahme des Stücks bekannt sein. Im großen Rahmen des voll besetzten Saals zeichnete der zurückhaltend auftretende Sänger ein nahezu empfindsam anmutendes Klangbild, nuancenreich wie textbetont. Dass er dabei auch in den schnellen Teilen des Vivaldi-Psalms bei aller Meisterschaft der Verzierung, der raschen Läufe und großen Atems, den intimen Charakter des Stückes nicht dem äußerlichen Effekt opferte, machte diesen Abend der geistlichen Musik auch zum Ereignis.

Mit der 24-jährigen Julia Lezhne­va hatte Jaroussky für Giovanni Battista Pergolesis schmerzvoll-intimes Spätwerk eine Partnerin, deren deutlich schwerere Stimme zwar reizvoll in den Duetten mit seinem ausdrucksstarken Alt harmonierte. In den Solopassagen allerdings drückte die Russin bei aller Klarheit ihrer vibratoarmen und gut fokussierten Stimme zu sehr auf die Tube der großen Opernattitüde.

Man hörte im Grunde zwei Interpretationen: einmal die musikalisch makellos glänzende Seite der Sopranistin, konzentriert, zum Teil kühl. Daneben leuchtete diese barocke Marienklage des Franzosen von innen. Fast seismografisch durchformte er mit farbenreich-glühendem Alt die Passagen – und erwies sich so als der kongeniale Partner von Diego Fasolis und der transparent ziselierenden „Barocchisti“ mit ihrer abwechslungsreichen Dramatik der Tempi. Ein „Salve Regina“ Domenico Scarlattis löste gleichfalls stilsicher die schwierige Zugabenfrage ei­nes in sich geschlossenen Abends.

Dirk Aschendorf

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Eine Marienklage wie aus dem barocken Bilderbuch
Eine Marienklage wie aus dem barocken Bilderbuch
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2014-01-17 00:17
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