Eine Frage der Fallhöhe

Foto: thomas.m.jauk Thomas Jauk / Theater Dortmund
Was wir bereits wissen
„Rosenkavalier“ beschwört mit schönen Stimmen eine Gesellschaft auf der Kippe

Dortmund..  Jedes Glück ist auf Sand gebaut, wer wüsste das besser als die Marschallin im „Rosenkavalier“. Letztlich geht es nur darum, die Fallhöhe selbst zu bestimmen. Das gelingt nicht allen Charakteren gleichermaßen gut in der Dortmunder Inszenierung von Richard Strauss’ großer Oper. Beifall im Stehen gab es nach der Premiere für die hervorragenden Sänger; die Regie von Intendant Jens-Daniel Herzog spaltete das Publikum hingegen in Bravo- und Buh-Rufer.

1911 wurde „Der Rosenkavalier“ in Dresden uraufgeführt. Da wackelten in Russland schon die Paläste, und in Europa stand der Krieg vor der Tür. Diese historische Situation einer Gesellschaft auf der Kippe greift Jens-Daniel Herzog in starken Bildern auf. Wie eine Falle schnappt das Boudoir der Fürstin über ihr und ihrem jungen Liebhaber Octavian zu. Herzog und sein großartiger Bühnenbildner Mathis Neidhardt nehmen das ganz wörtlich. Die Wände werden von der Seite hereingefahren, die Zimmerdecke senkt sich aus dem Schnürboden herab.

Und wieder geht es um Fallhöhe, denn das bürgerliche Wohnzimmer der neureichen Faninals schwankt in beträchtlicher Schieflage auf den Fundamenten des fürstlichen Gemachs. Am Ende ist die gesellschaftliche Ordnung ebenso gestürzt wie das Prunkschlafzimmer, das nun mit herabhängenden Tapeten und zerbrochenen Fensterscheiben auf der Seite liegt und zum baufälligen Treffpunkt des Volkes wird.

Es geht vordergründig um die Liebe im „Rosenkavalier“. Doch bei allen Emotionen gibt es niemals Intimität. Die Liebenden sind zu keiner Zeit alleine, all die Diener, Sekretäre, Haushofmeister und Leiblakaien belauern ihre Herrschaften ständig und ballen derweil die Faust in der Tasche.

Die Stärke der Inszenierung liegt in der subtilen und präzisen Personenführung. Der Chor wird wieder einmal individualisiert, ein großes Markenzeichen in Dortmund, und mit dieser Technik erzählt Herzog neben der eigentlichen Handlung noch viele kleine Geschichten, zeichnet ein pralles, manchmal auch bitteres Bild von Milieus, die sich horizontal überschneiden, während die alte hierarchische Ordnung nicht mehr funktioniert.

So betritt Bassbariton Karl-Heinz Lehner als Ochs wie ein aus der Zeit gefallener Falstaff die Bühne, der ohne Rücksicht auf Verluste frisst, säuft und hurt. Lehner spielt den dünkelhaften Lebemann grandios und mit trauriger Frivolität, aber er ist stimmlich ein wenig indisponiert.

Emily Newton ist eine großartige Marschallin, die Liebe und Verzicht in bildschönen lyrischen Sopranbögen beschwört. Ashley Thouret hat die himmelhohen Soprantöne, mit der Strauss die Sophie über das Irdische erhebt. Und Ileana Mateescu ist ein Octavian mit blühendem Mezzo, der fein ausbalanciert zwischen kupferner Tiefe und samtiger Höhe schimmert.

GMD Gabriel Feltz gelingt es mit den Dortmunder Philharmonikern nicht durchweg, den schwelgerischen, farbensatten Duktus der Strauss-Partitur freizusetzen. Allerdings stellt er die Kontraste zwischen der walzerseligen Reverenz an vergangene Epochen und den neuen Tönen spannend heraus, die immer wieder aus dem Notentext hervorbrechen.

Am Ende, beim herzzerreißenden Schlussterzett, schließt sich auch optisch der Kreis. Der Sandboden verschwindet. Den Liebenden gehört die offene Nacht mit ihren Sternen. Hier sind sie frei. Aber: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“

Wieder am 30. Januar, 8. und 21. Februar; Karten: 0231/50 27 222. Internet: www.theaterdo.de