Ein Western aus Algerien

Allein in feindlicher Welt: Reda Kateb und Viggo Mortensen.
Allein in feindlicher Welt: Reda Kateb und Viggo Mortensen.
Foto: Arsenal Filmverleih
Was wir bereits wissen
David Oelhoffens Film „Den Menschen so fern“ holt Albert Camus in die Gegenwart und zeigt, dass ein Western auch im algerischen Atlas-Gebirge spielen kann.

Essen.. Der Western ist schon seit langem kein ausschließlich amerikanisches Genre mehr. Seine Geschichten können sich überall und zu jeder Zeit zutragen, auch im algerischen Atlas-Gebirge, wie in „Den Menschen so fern“ zeigt, David Oelhoffens Verfilmung von Albert Camus’ Kurzgeschichte „Der Gast“.

Die kleine Schule, in der Daru (Viggo Mortensen) die Kinder der algerischen Bauern unterrichtet, liegt einsam auf einem nur unter Strapazen zu erreichenden Hochplateau im Gebirge.

Trotzdem machen sich die Jungen und Mädchen jeden Morgen auf den weiten Weg zu dem weißen Steinhaus. Dort, den französischen Kolonialherren so fern, können sie sich einen Pfad in die Zukunft bahnen. Doch dann bricht die bittere Realität des Befreiungskrieges auch in diese entlegene Welt ein.

Ein Polizist bringt den jungen Bauern Mohamad (Reda Kateb), der einen seiner Cousins getötet hat, zu Daru und fordert den Lehrer auf, den Delinquenten in die Stadt zu bringen. Dort wird man ihm den Prozess machen und ihn hinrichten. Nur widerwillig lässt sich der Lehrer, der im Zweiten Weltkrieg Offizier war, auf den Auftrag ein. Immer wieder versucht er, Mohamad zur Flucht zu überreden. Doch der hat seine Gründe, lieber in den Tod zu gehen.

Oelhoffen erschafft Western-Genre noch einmal neu

Es ist eine – ganz im Sinne Camus’ – absurde Odyssee, auf die David Oelhoffen seine beiden Anti-Helden schickt. Wo sie auch hinkommen, werden sie wie einst die Einzelgänger und die Anarchisten des Italo-Westerns mit den Verwerfungen ihrer Zeit konfrontiert. Erst bedrohen französische Siedler Mohamad. Dann muss Daru einen Mann töten, der Blutrache an dem Bauern verüben will. Schließlich geraten sie in die Fänge algerischer Revolutionäre und müssen wenig später mit ansehen, wie das französische Militär entwaffnete Gegner ermordet.

Es ist ein ungeheuer düsteres Bild, das Oelhoffen und sein Kameramann Guillaume Deffontaines von der Welt zeichnen. Das faszinierende Wechselspiel von atemberaubenden Panoramaaufnahmen einer kargen, die Menschen abweisenden Landschaft und intimen Großaufnahmen erzeugt dabei einen bemerkenswerten Sog.

Dem Betrachter geht es ähnlich wie Viggo Mortensens stoischem Lehrer und Reda Katebs nicht weniger zielstrebigem Mörder aus Not. Er wird in diese feindliche Welt regelrecht hineingeschleudert und muss irgendetwas finden, woran er sich festhalten kann, wenn er nicht ganz in Hoffnungslosigkeit und Entsetzen versinken will. Das kann der überwältigend blaue Himmel über der Wüste sein oder eine kleine Geste der Menschlichkeit.

So erschafft Oelhoffen das Western-Genre noch einmal neu und erfüllt es zugleich mit einer ungeheueren Dringlichkeit. Wir alle sind Sisyphos. Wie er müssen wir immer wieder von neuem scheitern. Aber Aufgeben ist keine Option. Dann würde die Barbarei siegen, der sich Daru mit all seiner Kraft entgegenstellt.