Das aktuelle Wetter NRW 24°C
Ballett

Ein Triumph für das Dortmunder Ballett-Ensemble

12.11.2012 | 18:15 Uhr
Ein Triumph für das Dortmunder Ballett-Ensemble
"Der Traum der roten Kammer", ein Ballett von Xin Peng Wang im Opernhaus Dortmund. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Die eigene Fassung von „Der Traum der roten Kammer“ überzeugt durch Leichtigkeit und kluge Verschränkungen. Das Stück ist in der chinesischen Heimat von Xin Peng Wang ein literarisches Monument, hier ist es ein weißer Fleck auf unserer abendländisch fixierten Literaturlandkarte.

Es gibt nicht viele Opernhäuser in Deutschland, deren ­Ballettensembles dem Musiktheater mühelos den Rang ablaufen. Xin Peng Wang, seit 2003 Ballettchef in Dortmund, hat es schon lange ­geschafft. Der Triumph, den er am Samstag feiern durfte, ist allerdings eine Klasse für sich.

Dieser Erfolg hat viele Väter. Einer heißt: Bekenntnis zur Heimat. Wang beweist Mut, da er einen hierzulande nahezu unbekannten Riesentext des 18.Jahrhunderts auf viele Tänzerbeine stellt. Es ist „Der Traum der roten Kammer“, in Wangs chinesischen Heimat ein literarisches Monument, hier ein weißer Fleck auf unserer abendländisch fixierten Literaturlandkarte.

Menschlicher Kern trotz mythischer Anspielungen

Dass es dennoch so spielerisch wie elegant, so vielschichtig bannend gelingt, dem am Ende laut jubelndem Publikum diese Geschichte zu erzählen, ist das Ergebnis kluger Reduktion. Aus 30 Dutzend Protagonisten und einem Kosmos ­mythischer Anspielungen schält die Dortmunder Ballettfassung einen menschlichen Kern heraus, dem politische Dimensionen nicht fehlen. Und so muss der Zuschauer nicht einmal sonderlich kenntnisreich auf das Schicksal einer Pekinger Adelsclique blicken. Wangs raffinierte Verschränkung klassischer Balletteinlagen, asiatischer Zuwidmung und sacht dosierten Ausdruckstanzes schenkt ein zutiefst berührendes Theatererlebnis.

Wang baut einmal mehr auf die Bühnenbildnerkünste Frank Fellmanns. Wie Fellmann Räume schafft, die traditionelles Illusionstheater und konzentriertes Politikum verschwistern, das hat Ereignischarakter. Gewiss: Es ist angesichts unserer Klischees ein Ritt auf der Rasierklinge, Lampions, Dachsparren und Drachenköpfen freie Bahn zu lassen. Aber weder Fellmann noch Wang folgen ihrer ­zunächst historisierenden Linie bruchlos. Im Gegenteil: Gerade die Nähe zu überhöhter Würde und ­stilisierter Form schärft die Fallhöhe des Abends, der im zweiten Teil an radikalem Profil gewinnt. Da endet das noble alte Reich auf dem Laufsteg: Schritt für Schritt geht das ­Ensemble in Han Chunqis präch­tigen Kostümen den Weg von der Dekadenz einer überkommenen Kaste in den grässlichen Terror der Kulturrevolution Maos. All das möchte uns fern wirken, hätte Wang auf traditionelle Musik seiner Heimat gesetzt.

Doch komplett speist das ruhelose Pulsen des englischen (Film-)Komponisten ­Michael Nyman („Das Piano“) ­diesen Abend. Man hört und staunt, wie fabelhaft sich das fügt: Erzählen Nymans unerbittlich kreisende Themen nicht gleichnishaft vom Sieg des Unentrinnbaren, der hier Tanz geworden ist? Dortmunds Philharmoniker unter Motonori Kobayashi nehmen Nyman facettenreich ernst. Schade, dass die Streichquartett-Zitate vom Band eingespielt werden.

Weniger hätte es auch getan

Gibt es Anfechtbares an diesem frenetisch gefeierten Abend? Mitunter dürfte Wangs szenisches Vokabular dezenter ausfallen. Kettensäge trifft Kirschbaum? Das Endspiel hätten wir auch weniger dick verstanden. Eine starke Compagnie, in der vor allem die Damenriege begeistert, tröstet darüber hinweg.

Lars von der Gönna



Kommentare
Aus dem Ressort
New Yorker Metropolitan Museum zeigt Fotos von Thomas Struth
Museum
Der am Niederrhein geborene Fotograf Thomas Struth stellt im New Yorker Metropolitan Museum aus. 25 Bilder des Künstlers werden ab dem 30. September für etwa ein halbes Jahr zu sehen sein. Das Museum feiert Struth als vollkommendsten Künstler der letzten 50 Jahre.
„Supermensch“ ist fast zu absurd, um wahr zu sein
Kino
Neues von Mike Myers, der mit „Austin Powers“ Maßstäbe in Sachen Agentenfilm-Parodie geliefert hat,: Sein Kino-Porträt: über Shep Gordon zeigt einen der Strippenzieher des US-amerikanischen Pop- und Filmbusiness, der sich mit seinem Nachbarn Cary Grant das Sorgerecht für eine Katze teilte...
Parkour-Künstler aus Wattenscheid bei Show Urbanatix dabei
Urbanatix
Leroy Guse ist „Traceur“. Seit gut drei Jahren ist „Parkour“ die Leidenschaft des Schülers, er lässt dabei Hindernisse, geschaffen von Natur oder Architektur, fast spielerisch hinter sich. Der 18-Jährige aus Westenfeld lebt seinen Traum: bei der Street-Art-Show Urbanatix wird er dabei sein.
Zirkus Flic Flac gastiert mit einer neuen Show in Oberhausen
Artisten
Vor 25 Jahren zeigte Flic Flac seine allererste Show in Oberhausen. Nun meldet sich der Zirkus der Superlative nach zweijähriger Pause mit einer neuen Show zurück. Die nächsten zwei Jahre touren die Artisten durch 40 deutsche Städte. Den Anfang macht - mal wieder - Oberhausen.
„Schoßgebete“ – Verfilmung des Romans von Charlotte Roche
Romanverfilmung
Nach den „Feuchtgebieten“ kommt nun auch Charlotte Roches zweiter Roman auf die große Leinwand. Regisseur Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Sommermärchen) bringt „Schoßgebete“ ins Kino, die Geschichte über eine neurotische und schwer traumatisierte Frau und ihre ungewöhnliche Ehe.
Umfrage
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?

Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?