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Kulturpolitik

Ein seltsames Spiel

10.02.2009 | 00:29 Uhr
Ein seltsames Spiel

Essen. Seltsames Stück am Grillo-Theater: Kulturdezernent Scheytt plant regionale Kooperationen, die Grünen lassen sich kein Bekenntnis zur renommierten Bühne entlocken, und der scheidende Intendant Weber wittert einen kulturpolitischen Skandal.

Kulturdezernent Prof. Dr. Oliver Scheytt. Foto: Remo Bodo Tietz

„Die Stadt arbeitet daran, ein erfolgreiches Theater im Umfeld der Kulturhauptstadt zur Disposition zu stellen.” Das sagt nicht irgendwer. Das sagt Anselm Weber, Intendant des wiederholt als „Bestes Schauspiel in NRW” ausgezeichneteten Grillo-Theaters, der zur Spielzeit 2010/2011 in gleicher Funktion ans Schauspielhaus Bochum wechselt.

Irritiert zeigt sich der Schauspielchef vor allem darüber, dass die Suche nach einem Nachfolger für seinen Stuhl anscheinend noch gar nicht in die Gänge gekommen ist. Zwar hatte Kulturdezernent Oliver Scheytt vor zehn Tagen gegenüber der WAZ erklärt, man wolle möglichst noch im März eine Persönlichkeit benennen, die einerseits Intendant des Grillo, zugleich aber offen für neue Kooperationsmodelle in der Region sei. Die Situation stellt sich aber für Weber anders dar. Die Parteien hielten sich wohl auch aus wahltaktischen Gründen mit konkreten Aussagen zurück. Die Grünen erklärten gegenüber der WAZ bereits, dass eine Intendantensuche zurzeit noch nicht auf ihrer Agenda stehe (siehe unten).

"Bis 15. März muss ein neuer Intendant da sein"

Anselm Weber. Foto: Ingo Otto

Allein das empfindet Weber – und hinter vorgehaltener Hand auch eine Reihe von Essener Kommunalpoliltikern – als Skandal. Denn: Je weiter man die Bestallung eines Intendantennachfolgers hinauszögere, desto problematischer werde sich auch die Planung für die Spielzeit 2010/2011 gestalten. Davon wären immerhin auch die letzten Monate der Kulturhauptstadt betroffen. Weber: „Bis 15. März muss ein neuer Intendant da sein, sonst ist die Saison nicht mehr mehr zu retten.”

Überhaupt sieht Weber die Essener Grünen als regelrechte Wackelkandidaten mit Blick auf eine verlässliche Theaterpolitik. Die seien verantwortlich für die nicht aufgehobene Deckelung der Theater- und Philharmonie GmbH (TuP), die so – im Gegensatz zu allen anderen Stadt-Töchtern – auf den Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes sitzen geblieben sei. Allein das schlage pro Jahr mit knapp zwei Millionen Euro zu Buche. Es könne nicht sein, dass ein erfolgreiches Haus vielleicht zerschlagen werde, nur weil Mitarbeiter höhere Gehälter bekommen.

Regionale Kooperationen oder Fusionen von Theatern

Dazu komme die angezettelte Diskussion um regionale Kooperationen oder Fusionen von Theatern. Dabei müsste man doch aus der Vergangenheit wissen, dass damit kein künstlerisches Profil geschärft werde (Beispiel: die längst aufgehobene Theaterehe Gelsenkirchen - Wuppertal). Und die immer wieder gerne geforderten zentralen Werkstätten: Das verkompliziere Abläufe und sei unter dem Strich sogar teurer, so Weber. Der Intendant verweist auf Wien, wo man nicht zuletzt aus Kostengründen überlege, die Zentralwerkstätten aufzugeben.

Enttäuscht zeigt sich Weber, dass Essens Politik die erfolgreiche Arbeit seines Hauses, das ja mit seinen Projekten immer auch nach draußen zu den Menschen gegangen sei, letztlich nicht zu würdigen wisse. Sonst stellte man sich hinter dieses zu 91 Prozent ausgelastete Haus, das ja durch seine Integrationsarbeit gerade auch dem Kulturbegriff von Grünen und SPD entspreche.

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Kai Sueselbeck

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Kommentare
12.02.2009
10:51
Ein seltsames Spiel
von Bruce | #15

Ich für meinen Teil bin entsetzt über die kulturfeindliche Betonkopfpolitik der Grünen. Jahrelang habe ich ihnen meine Stimme gegeben; das ist jetzt definitiv vorbei!

10.02.2009
23:21
Ein seltsames Spiel
von Joseph | #14

Bedauerlich, dass das Schauspiel offensichtlich keine
betuchte und lautstarke Lobby wie die Philharmonie hat.
Schade, dass sich die Politiker trotz anstehender Wahl nicht aus der Deckung trauen und nur ein Wort dazu verlieren. Gibt es überhaupt eine Partei, die sich im Kulturhauptstadtjahr für die Kultur interessiert ?

10.02.2009
21:26
Ein seltsames Spiel
von mcandice | #13

ich bin völlig fassungslos ob dieser geschichte! warum bitte schön hat sich essen für das ruhrgebiet überhaupt als kulturhauptstadt beworben, wenn es jetzt, nachdem anscheinend die erste euphorie über diesen titel abgeflaut ist, wieder mit kleinlichem provinz-denken losgeht? loveparade hin oder her, aber bochums absage war schon peinlich genug für die metropole ruhr... herr weber hat mit seinem team in den letzten jahren erstaunliches geleistet - auslastung und auszeichnungen sprechen eine deutliche sprache! von den stadtprojekten mal ganz zu schweigen! und statt alles zu tun, damit dieses wunderbare theater gerade im kulturhauptstadt-jahr auch in der lage ist, weiterhin auf diesem niveau zu arbeiten, legt man die hände in den schoss und zögert und zaudert und setzt alles aufs spiel! es ist zum haareraufen! wenn hier nicht schnell was passiert, hat essen im kulturjahr 2010 kein theater mehr!!!

10.02.2009
18:12
Ein seltsames Spiel
von rottleberode | #12

es ist erstaunlich mit welcher Gründlichkeit die Essener Kommunalpolitik den erst erworbenen guten Ruf der Stadt und Kulturhauptstadt 2010 ruiniert.

10.02.2009
17:50
Ein seltsames Spiel
von MünchnerKindl | #11

Wer rettet eigentlich die Essener Kultureinrichtungen vor Ruhr 2010 ?!

10.02.2009
15:21
Ein seltsames Spiel
von 1848isdochglattgelogen | #10

Noch was: Natürlich wäre im Sinne von Kooperationen ein Austausch von Produktionen z.b. zwischen Essen und Bochum wünschenswert. Oder gar Pendelbusse mit Programm! Ich denke, dass eine kreative Zusammenarbeit auf diesem Sektor sinnvoll sein kann und jedes Haus auf einen kleinen Anteil an Produktionen verzichten könnte. Dann muß aber auch das Niveau stimmen. Ein Bochumer Schauspiel mit dem Intendanten Weber gewinnt mit Sicherheit an Profil und Qualität. Gastspiele einer Essener Gurkentruppe, wie sie vor Weber jahrzehntelang im Grillo vegetierte (sorry, etwas ungerecht, es gab ja ab und zu ein Highlight), wären dann in Bochum allerdings auch sehr verzichtbar.

10.02.2009
15:12
Ein seltsames Spiel
von 1848isdochglattgelogen | #9

Aber auffällig bleibt: Trotz Kulturhauptstadtstatus 2010 tun sich sowohl Essen als auch Oberhausen mit klaren Bekenttnissen zu ihren Schauspieltheatern schwer wie nie. Und das ist grotesk. Gerade angesichts Webers und seines Teams Leistung unter schwierigen Bedingungen. Zögern, Zaudern, Verzagen - mit den gegenteiligen Tugenden hat gerade Weber allen Kultursesselpupsern vorgemacht, wie es gehen kann!
Willkommen in Bochum, Herr Weber. Sie wissen ja, dass sie es auch hier nicht leicht haben werden. Aber nach Jahren der künstlerischen Stagnation werde ich es wieder leichter haben, den Bunker an der Königsalle mit Freude zu besuchen!

10.02.2009
14:02
Ein seltsames Spiel
von radieschen | #8

der dicke oliver.

10.02.2009
11:42
Ein seltsames Spiel
von hekir | #7

Herrn Webers Befürchtungen und Meinung in allen Ehren, aber dieser Artikel lässt mehr Fragen offen, als alles andere. Wo ist die Stellungnahme von Herrn Scheyt, der TuP und allen anderen die in diesem Artikel erwähnt werden??? Ein bisschen mehr Recherche und weniger Sensation wäre für eine Meinungsbildung für mich als Leser schön gewesen.

10.02.2009
10:52
Ein seltsames Spiel
von schloppke | #6

Wo ist das Probem? Grillo-Theater wechhauen (ist eh ein alter Bau und paßt nicht in die Architektur einer modernen Stadt), und wir sind wieder ganz auf Essener Linie. Gelände dafür dann teuer verkaufen (weil wir haben ja grundsätzlich 1-A Lagen) und das nächste Leuchtturmprojekt hinhunzen.

Ich habe den Eindruck, als würden wir von Dilettanten verwaltet...

Ah-ja, vergessen (bevor ein anderer auf die Idee kommt): Für den Verkaufserlös dann Stadion bauen!!

Sollte wer Sarkasmus hinter dem Kommentar vermuten - soll er doch!!

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