Ein Schnapserl

Seit 29 Jahren fahren wir in das immer gleiche Alpen-Almdorf, links ab vom Zillertal, in den Skiurlaub. Man kann darüber schmunzeln, aber uns gefällt es einfach dort. Alles ist vertraut, die Abfahrten auch bei schlechterer Sicht bestens in Erinnerung. Ja, ich habe fast schon das heimelige Gefühl, jede frische Schneeflocke persönlich zu kennen. Wirklich Überraschendes erwartet uns entsprechend nur noch in homöopathischen Dosen, aber auch das ist nicht zuletzt ein Grund für unsere unverbrüchliche Gasttreue.

Dieses Mal gab es aber doch etwas Neues. Besser gesagt: etwas bis dahin Einmaliges. Franz, der Wirt unserer Lieblingshütte im Skigebiet, hat uns einen Schnaps ausgegeben. In Aussicht hatte er diese Großzügigkeit schon einmal vor vielen Jahren gestellt, zur schmackhaften Verwirklichung ist es aber irgendwie nie gekommen.

Samstags zehn Jagatee-Leichen

Nun aber eben doch. Es war ein stürmisch-nebeliger Tag, nur ganz wenige Ski-Eifrige hatten sich bis zum Franz durchgeschlagen; entsprechend leer war die Hütte und entsprechend beschäftigungslos der Hütten-Franz. Meine Frau und ich saßen also ziemlich einsam in einer Nische und schauten hinaus ins nebelige Nichts. Da plötzlich erschien der Franz mit einem kleinen Tablett samt drei kleinen Schnäpsen. „Ich denk’, wir trinken jetzt mal zusammen einen Zirbenschnaps, einen echt guaten, denn der ist von mir“, sagte der Franz. Es blieb zwar bei dem einen „Schnapserl“, aber der Franz kam doch ins Plaudern. Jedenfalls für seine Verhältnisse und bis ihn dringendere Geschäfte von einer möglichen zweiten Runde abhielten. Dabei erinnerte er sich lebhaft an die alten Zeiten vor 29 Jahren, als wir ihn das erste Mal besuchten. Ja, da sei damals viel mehr auf den Hütten getrunken worden, meinte der Franz nicht ohne merkantile Wehmut. Samstags zehn Jagatee-Leichen, das sei für seine Hütte eher der Durchschnitt gewesen. Jagatee-Leichen, das waren Skifahrer, die selbst nicht mehr Ski fahren konnten. Die nicht einmal mehr selbst gehen oder kriechen konnten. Die festgezurrt im Akja den Weg Richtung Tal antreten mussten und auch daran später keine Erinnerung mehr hatten.

Als sich der Nebel lichtete, machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Wintersport. Im Magen wärmte der Zirbenschnaps noch ein wenig nach, aber wir waren himmelweit von jeglicher Jagatee-Leichenhaftigkeit entfernt. Gottlob und Ski heil.