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Buchkritik

Ein Roman wie Obama

05.06.2009 | 09:42 Uhr
Ein Roman wie Obama

Essen. Wer verkörpert dieses neue, gelassene Amerika? Der schwarze Präsident natürlich, der Grenzen aufhebt, indem er der Welt mit jedem Tag ein bisschen weniger besonders scheint. Der äthiopisch-amerikanische Autor Dinaw Mengestu schreibt über das neue Amerika „mit all seinen Identitäten”

Wenn sie zusammensitzen in Sephas kleinem Laden am Washingtoner Logan Square, dann spielen sie ein Spiel: Der Äthiopier Sepha, der Kenianer Kenneth und der Kongolese Joseph rufen sich die Namen von Diktatoren zu und erraten Land und Jahr. „Jeder von uns hat seine Lieblinge. Bokassa. Amin. Mobutu. Wie lieben alle, die berühmt sind für absurde Proklamationen und skurrile Auftritte, Diktatoren, die vierzig Frauen und doppelt so viele Kinder haben . . ..” Lustig? Todkomisch sogar. Sephas Vater wurde erschlagen von Milizen, weil Sepha aufrührerische Flugblätter zuhause versteckt hatte.

Der Autor Dinaw Mengestu, 1978 in Äthiopien geboren, kam im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern in die USA. Er studierte Literatur, erhielt Stipendien und zahlreiche Preise für seinen Erstling. Was macht diesen Einwanderer-Roman so besonders? Der Erzähler, der Ton, die Zeit.

Der Erzähler: Sephas Geschichte schildert Mengestu aus der Ich-Perspektive. Dieses Ich ist ein reflektiertes – ein Ich, das sich selbst beobachtet wie einen Fremden. Sepha weiß, dass die zarten Bande zu der weißen Professorin, die in sein Viertel zieht, keiner Zerreißprobe standhalten. Und doch freundet er sich mit ihrer Tochter Noemi an, liest ihr Buch um Buch vor. Denn, ja: Sepha ist belesen und vergleicht Afrika schon mal mit Dantes „Inferno”, dem auch der Romantitel entstammt.

Der Ton: Wie kann einer, der aus der Hölle kommt, so ruhig bleiben? So zuversichtlich? Mengestus Sprache ist gelassen, poetisch – er gibt einem Verlierer der Gesellschaft, der doch wütend sein müsste, aufgebracht, damit seine Würde zurück. Dies gelingt durch Mengestus eigene Distanz. So will er sein Werk nicht als „afrikanisch” oder „afro-amerikanisch” verstanden wissen, sondern als „Roman über Amerika mit all seinen Identitäten”.

Die Zeit: Wer verkörpert dieses neue, gelassene Amerika? Der schwarze Präsident natürlich, der Grenzen aufhebt, indem er der Welt mit jedem Tag ein bisschen weniger besonders scheint. Mengestus Unaufgeregtheit des Erzählstils entspricht damit einem Trend. Und wenn er lakonisch beschreibt, wie die Weißen in einem armen Viertel Washingtons die schwarzen Einwanderer verdrängen – dann können wir seine Gelassenheit nachvollziehen. Weil anderswo in der Hauptstadt ein Sproß schwarzer Einwanderer Partys schmeißt, um die sich Weiße reißen.

Dinaw Mengestu: Zum Wiedersehen der Sterne. Claassen Verlag, 252 Seiten, 19,90 Euro

Britta Heidemann

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