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Porträt

Ein revolutionäres Mädchen

30.06.2011 | 17:39 Uhr
Ein revolutionäres Mädchen
Lina Ben Mhenni Bild: afp

Essen.Die 27-jährige Lina Ben Mhenni gab der „Jasmin-Revolution“ ihrer Heimat Tunesien eine Stimme – im Internet-Blog.

Die „Stimme der Jasmin-Revolution“ klingt am Telefon erstaunlich leise und zögerlich. Aber die so Genannte, Lina Ben Mhenni, rief ja auch nicht durchs Megafon, sondern im Internet zur Revolte auf. Für ihr Blog „A tunesian girl“ erhielt das erst 27-jährige tunesische „Mädchen“ auch in Deutschland Preise. Soeben erschien mit ihrem Büchlein „Vernetzt euch!“ der erste Augenzeugenbericht der arabischen Revolution – nur fünf Monate nach dem Sturz der Diktatur in Tunis.

Schnelligkeit ist alles. „Es waren damals, während der Revolution, nicht mehr die traditionellen Medien, die die Reportagen und Bilder lieferten darüber, was im Land los war – sondern das Internet. Ihm fiel zudem die Rolle zu, die Menschen mobil zu machen, wachzurütteln.“ Lina Ben Mhenni war Teil der Mobilmachung. Bei einem Studienaufenthalt in den USA hatte sie ersten Kontakt zur Welt der Blogs, begann daheim in Tunis schnell ihren eigenen – „Menschen, die sich damit auskannten“ halfen ihr, die Zensur zu umgehen. Sie schrieb über Freiheit des Wortes und den Alltag. Sie filmte, wie die Präsidentenfamilie in einer Hafenstadt Bürger enteignete, ihre Häuser einriss. Sie telefonierte via Skype mit hunger-streikenden Studenten. Sie gründete eine geschlossene Google-Gruppe mit Gleichgesinnten und rief zur Demo auf: tausend Jugendliche in weißen T-Shirts folgten dem Aufruf.

Im April 2010 durchsuchte die Polizei das Elternhaus von Lina Ben Mhenni. „Für mich war das eine Art Vergewaltigung“, erinnert sie sich, und ihre Stimme wird noch leiser. „Sie durchwühlten meine Kleidung, berührten meine Unterwäsche, drangen in meine Privatsphäre ein.“ Trotzdem gab sie nicht auf, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie ihren Vater vor Augen hatte: Sechs Jahre saß er, aktives Mitglied der tunesischen Linken, im Gefängnis. „Schon als kleines Kind konnte ich leicht erkennen, welche Spuren die Folter auf seinem Körper hinterlassen hatte“, schreibt sie in ihrem Buch.

Und so hielt sie auch die Proteste, die nach dem Selbstmord von Mohamed Bouazizi am 17. Dezember überall im Land aufbrandeten, in Bild und Ton fest. Die Internetverbindungen von Hotels und Cafés nutzte sie, um die Informationen im Netz zu verbreiten. Ihr Buch, das soeben auf Deutsch erschienen ist, versteht sie auch als Aufruf: „Ich möchte allen Menschen sagen, dass wir durchaus etwas bewirken können: Wir müssen unsere Chance wahrnehmen, die Welt zu verändern. Wir haben das Internet – also lasst es uns nutzen!“

Als „freies Elektron“ beschreibt sie sich, die „keine Partei, keine Organisation“ braucht. Einer trat sie dennoch bei: einer Organisation, die eine Reform der tunesischen Mediengesetze erarbeitet und dafür sorgen will, dass die tunesische Verfassung künftig einen freien Internetzugang garantiert. Doch soeben trat sie verärgert wieder aus: all die Diskussionen! Das ging ihr nicht schnell genug.

INFO

Skype und eine geschlossene Google-Gruppe, Twitter und Facebook… Wer Lina Ben Mhennis schmales Büchlein „Vernetzt euch!“ (Ullstein, 46 S., 3,90 €) liest, ist im positiven Sinne schnell gefangen im Netz der schier unendlichen Möglichkeiten. Wie die virtuelle Welt auf die reale einwirkt, wird hier überdeutlich. So, mit kleinen mutigen Schritten einzelner Menschen, begann die arabische Revolution.

Für ihr Internet-Blog wurde Lina Ben Mhenni mit dem Blog-Award der Deutschen Welle ausgezeichnet: http://atunisiangirl.blogspot.com

Britta Heidemann

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