Ein Plädoyer für Lebensmut: Mehr Regen wagen!

Bochum Total, 2009: Chantal, Dominic, Lisa und David aus Gelsenkirchen genießen die Abkühlung.
Bochum Total, 2009: Chantal, Dominic, Lisa und David aus Gelsenkirchen genießen die Abkühlung.
Foto: Ilja Höpping/Archiv
Warum nicht jedes Unwetter ein Risiko sein muss und wir oft vor den falschen Dingen Angst haben: ein Plädoyer für Selbstbestimmung.

Essen.. Mit dem Himmel haben wir heute nicht mehr viel am Hut. Statt nach dunklen Wolken Ausschau zu halten, nehmen wir das Smartphone zur Hand: Ist da ein Unwetter in Sicht? Und im gleichen Maße, in dem die Unwägbarkeiten des Wetters immer kalkulierbarer werden, scheint die Angst davor zu wachsen: Allein am vergangenen Wochenende, allein im Ruhrgebiet wurden Dutzende Veranstaltungen abgesagt, vom Kulturfest in Dorsten bis zum Trödelmarkt in Dortmund.

Republik der Regulierer

Und wo einst ganz Woodstock fröhlich im Schlamm tobte, folgen Rockfestivals heute dem unerbittlichen Rhythmus, den die Meldungen des Deutschen Wetterdienstes vorgeben: So tanzt die Republik der Regulierer. Oder eben nicht. Ist das noch Fürsorge? Oder schon Bevormundung?

Zugegeben: Die Wetterextreme, sagen Experten, nehmen zu – mehr Hitzegewitter führen zu häufigeren Warnungen. Die Veranstalter haben, nicht erst seit der Loveparade-Katastrophe, Grund zur Umsicht. Angst ist gut und wichtig, auch für jeden einzelnen. Wer keine Angst hat, geht bei Rot über die Straße oder isst drei Kilo Schokolade oder sagt dem Chef nach dem vierten Weihnachtsfeier-Bier mal so richtig die Meinung.

Trotzdem ist dies hier ein Plädoyer: für mehr Mut, mehr Risiko, mehr Leben.

Die Statistik weiß, dass wir oft vor den falschen Dingen Angst haben. Dass wir die Gefahr des Autoverkehrs drastisch unterschätzen, gilt dabei beinahe schon als Binse: schließlich sitzen wir doch selbst am Steuer, alles unter Kontrolle, was soll passieren? Drastisch überschätzt werden hingegen Risiken, die wir nicht verstehen oder beeinflussen können. Dabei irritiert uns wenig, dass die Panik von gestern – Waldsterben, Ozonloch, BSE – heute schon vergessen ist.

Hang der Deutschen zur Panikmache

Der Hang der Deutschen zur Panikmache, die „German Angst“, wird dabei befeuert von dem, was Risikoforscher Gerd Grigenzer „statistischen Analphabetismus“ nennt: Wenn irgendein Stoff das Krebsrisiko „um hundert Prozent“ steigert – dann klingt das gruselig.

Langzeitstudie Obwohl es sein könnte, dass die Chance auf Krebs nur von 0,0001 auf 0,0002 Prozent steigt. In seinem Buch „Die Angst der Woche“ rechnet der Dortmunder Statistiker Walter Krämer vor, dass zwar noch kein Deutscher an BSE gestorben sei – aber die Angst davor „uns Steuerzahler rund eine Milliarde Euro gekostet“ hat.

Als der Soziologe Ulrich Beck im Tschernobyl-Jahr 1986 den Begriff der „Risikogesellschaft“ prägte, beschrieb er, dass die Produktion von Reichtum einhergeht mit der Produktion von Risiken, die tendenziell jeden treffen können – „Smog ist demokratisch“. Zugleich aber ist die Wahrnehmung des Risikos nunmehr mittelbar: Kein Waldbrand vor der Haustür, sondern Pestizide im Gemüse, mutierende Krankheitserreger oder undurchschaubare Terrorstrukturen ängstigen uns heute.

Kurz: Wir bewegen uns in der Welt wie albträumende Kinder.

Kinder zur Eigenständigkeit erziehen

Die New Yorkerin Lenore Skenazy ließ ihren neunjährigen Sohn alleine mit der U-Bahn fahren – und wurde daraufhin in US-Medien als „schlechteste Mutter der Welt“ bezeichnet. Inzwischen ist sie Anführerin einer Bewegung, die fordert, Kinder besser zu schützen: vor Überbehütung, Bevormundung. Vor ihren Eltern.

FDP-Parteitag Auch in Deutschland kreisen die Helikoptereltern, und mit ihnen kreist eine Debatte um die Frage, ab wann Fürsorge schädlich wirkt. Familientherapeut Jesper Juul geißelt gar einen „Narzissmus“ der Eltern, die mit Fahrradhelm und Sonnencreme doch nur das eigene Ego schützen: Sie wollten vor allem deshalb glückliche und erfolgreiche Kinder haben, um sich selbst als kompetent erleben zu können.

Aber hieße glücklich nicht vielleicht: selbstständig, mutig, sich sei­ner eigenen Stärken (und Schwächen) bewusst? Die größte Gefahr scheint längst diese: dass unsere Kinder einmal keine Chance mehr haben werden, sich gegen die Bevormundungen der Risikogesellschaft zu wehren. Dass sie erwarten, dass auf ihrem Lebensweg immer jemand mit Sonnencreme und Fahrradhelm parat stehen wird.

Wir glauben, Unfälle und Tod überwunden zu haben, beherrschen, wegregulieren zu können. Wir sind auf alles vorbereitet. Dabei gilt immer noch Joachim Ringelnatz schöne Gleichung: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ Vielleicht sollen wir öfter wieder in den Himmel schauen: Kopf in den Wolken, Herz über Kopf. Dem Schicksal, das da oben wohnt, glücklich ergeben.