Ein Maya-Wörterbuch aus Bonn

Bonn..  Forscher der Universität Bonn wollen in einem 15 Jahre dauernden Projekt die Hieroglyphen der Maya erforschen und ein „Wörterbuch des Klassischen Maya erstellen“.

Eine ziemliche Sisyphos-Arbeit. Denn um das Ziel zu erreichen, will ein zehnköpfiges Wissenschaftlerteam rund 10 000 Inschriften aus der Zeit von 250 v. Chr. bis 900 n. Chr. in den nächsten Jahren erschließen und digitalisieren, wie der Leiter des Projekts Nikolai Grube sagt. Darauf basierend soll das Wörterbuch als Datenbank und in gedruckter Form erstellt werden. Es soll den gesamten Sprachschatz der Maya abbilden. „Der Schlüssel für die Schrift muss noch gefunden werden, um einen Einblick in die alte indianische Kultur vor der Ankunft der europäischen Eroberer zu bekommen“, sagt Grube.

5,4 Millionen Euro vom Bund

Auch die Grammatik und Rechtschreibung der alten Maya-Sprache sollen erforscht werden. Hilfreich ist dabei, dass heute noch etwa sechs bis acht Millionen Menschen in Mexiko und Guatemala rund 30 Maya-Sprachen beherrschen. Durch Sprachvergleiche wollen die Forscher das klassische Maya rekonstruieren. „Weltweit sind wir in Bonn das Forschungszentrum für die Entzifferung der Maya-Schriften“, sagte der Altamerikanist Grube nicht ohne Stolz. Gefördert wird das Langzeitvorhaben mit insgesamt 5,4 Millionen Euro von Bund und Ländern.

30 bis 40 Prozent der Maya-Zeichen seien noch nicht entziffert, sagt Grube. Einige Texte seien bereits entschlüsselt, andere noch gar nicht. „Es ist wie ein Kreuzworträtsel“, sagte Grube. „Je mehr man gelöst hat, umso einfacher wird das Ausfüllen der weißen Felder.“

Für die heutigen Forscher muss das Entziffern der altamerikanischen indianischen Schrift wohl ähnlich faszinierend sein wie einst für den Franzosen Jean-François Champollion (1790-1832) die Entschlüsselung der ersten Hieroglyphen der alten Ägypter war. „Der amerikanische Kontinent ist ein Testfeld“, sagte Grube. „Dort haben sich die Dinge völlig unabhängig von Europa und Asien entwickelt.“

Besessen von Kalendern

Das Erstaunliche aber ist, dass es ähnliche Entwicklungen auf den Kontinenten gab. So gebe es zwischen der alten ägyptischen Schrift und der Maya-Schrift strukturelle Vergleichbarkeiten etwa bei Silben oder Vokalzeichen, sagte Grube.

Die Maya heute leben oft am Rande der Gesellschaft. Für sie sei die Tatsache, dass sie eine hoch entwickelte alte Kultur haben, ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung ihrer eigenen Identität, so Grube. Im Westen verbinden viele mit der Maya-Kultur vor allem nicht belegte Weltuntergangs-Fantasien, die Esoteriker in die Welt setzten. „Die Maya waren besessen von Kalendern“, sagte Grube. „Die haben alles genau datiert.“ Auch diese Mathematik-Obsession erleichtert den Hieroglyphen-Forschern heute die Arbeit.