Ein Ereignis: Bob Dylan singt Songs von Sinatra

Bob Dylan ehrt mit seinem neuen Album den großen Frank Sinatra.
Bob Dylan ehrt mit seinem neuen Album den großen Frank Sinatra.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Uralte Entertainment-Klassiker hat Bob Dylan für sein neues Album aktiviert. Die Sinatra-Hommage „Shadows in the Night“ ist von ganz eigenem Reiz.

Essen.. An Bob Dylan scheiden sich die Geister. Die einen empfinden den inzwischen 73-jährigen Sänger als Anti-Belcanto, andere attestieren seinem Organ eine großartige Härte. Und nun hat diese stimmliche Nebelkrähe die Songs von Frank Sinatra neu interpretiert – einer der großen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ausgerechnet Balladen! „Autumn Leaves“, „Some Enchanted Evening“ und „That Lucky Old Sun“ – Dylan sagt, seine melancholischen Fassungen seien keine Coverversionen, sondern Un-Coverversionen. Was immer er auch darunter verstehen mag, das Ergebnis ist eine echte Überraschung: Sein Gesang ist plötzlich wieder zärtlich und präzise wie früher.

Wie dem alten Sinatra ist es auch Dylan gelungen, die schwindende stimmliche Kraft mit künstlerischer Reife auszugleichen. Man spürt von Note zu Note, wie sehr sich Dylan Mühe gibt. Und man fürchtet beinahe, dass jeder Ton, den er aus den Tiefen seine Kehle holt, der letzte sein könnte. Doch gerade Zittern und Krächzen bilden die Brennpunkte der Songs, zwingen den Hörer dazu, sich auf die Welt des weisen Grantlers einzulassen.

Sensationsfund Dylan lebt die Songs

Die besteht nicht etwa aus den Standards des Great American Songsbook, sondern aus zum Teil obskuren moll-lastigen Liedern wie „The Night They Called A Day“, „Why Try To Change Me Now“ und „Full Moon And Empty Arms“, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: Sinatra hat sie gesungen.

Gemeinsam mit seiner fünfköpfigen Band holt Dylan die zum Teil über 90 Jahre alten Pop-Klassiker und Chansons aus der Grube und bringt sie ans Licht des Tages, wo sie nicht zu Staub zerfallen, sondern in Gestalt von intimen Folk- oder Gospel-Hymnen wieder zu Leuchten beginnen. Dylan singt nicht nur, er lebt die Songs und interpretiert jedes Stück ganz nach seiner eigenen, unvergleichlichen Art. Wenn er über seine verlorene Jugend singt oder eine zerbrochene Liebe beklagt, vermittelt er das Gefühl, als tue ihm bis in die Eingeweide alles weh.

Der Sänger hat die Evergreens auf das Wesentliche reduziert, die nostalgischen Streicher der Sinatra-Stücke durch weinende Steel-Gitarren ersetzt, dazu erklingen ein sanft gezupfter oder gestrichener Kontrabass, wogende Hörner und fast schon gestreichelte Becken. Die Arrangements fallen streckenweise so spärlich aus, dass man gar Dylans Atem hört – das sorgt für Gänsehaut, feuchte Augen und eine vorübergehende Rückgewinnung des Glaubens an den Dylan alter Tage.

Rock Dylan sieht sich nicht als Musikarchäologe

Genauso wie es Leute gibt, die der Meinung sind, ein Dylan-Song sei heilig wie das Lamm Gottes und dürfe nicht geschlachtet werden, so gilt auch Sinatra als unantastbar. Im einzigen Interview zum Album, das Dylan dem amerikanischen AARP-Magazin gab, stellte er klar: „Ob ich mich mit Frank Sinatra vergleiche? Sie machen Witze! Im selben Atemzug mit ihm genannt zu werden ist das höchste Kompliment überhaupt! Niemand erreicht seine Größe. Weder ich noch ein anderer“.

Die Idee, solch eine Platte zu machen, hatte Dylan schon in den später 1970ern, nachdem er Willie Nelson Coveralbum „Stardust“ gehört hatte. Schon damals fragte er sich, ob jemand anders einen ähnlichen Blick auf die Pop-Musik der 40er und 50er Jahre habe wie er. Dylan sieht sich nicht als Musikarchäologe, er mag einfach diese Songs und fühlt, dass er sich mit ihnen verbinden kann. Geht es ihm darum, seine traditionellen Fans zu überraschen? „Also, sie sollten nicht überrascht sein. Ich habe über die Jahre die verschiedensten Arten von Songs gesungen, und meine Fans kennen definitiv die Aufnahmen, die ich bisher von Standards gemacht habe.“

Beatles Instrumente wurden nicht aufeinander abgestimmt

‚Shadows In The Night‘ wurde live im Studio eingespielt – in den heiligen Hallen des Studio B im zwölfstöckigen Capitol Records-Turm, einem der Wahrzeichen von Los Angeles. An den Reglern saß der legendäre Aufnahmeleiter und Produzent Al Schmitt. Er war mit sämtlichen Berühmtheiten des Musikgeschäfts inklusive Frank Sinatra im Studio. Nur Dylan stand noch nicht auf seiner Liste. Für seine Arbeit ist Schmitt im Lauf seiner fast 60-jährigen Karriere mit zwei Dutzend Grammys geehrt worden.

In einem Interview mit dem Web-Magazin „Something Else“ flötete Schmitt kürzlich: „Bobs Platte ist einzigartig!“ Dylan, der immer sehr genau auf die akustische Beschaffenheit eines Tonstudios achtet, war von den Räumlichkeiten begeistert. „Wir hatten eine akustische, eine elektrische und eine Pedal-Steel-Gitarre“, erzählt Schmitt. „Dazu einen Kontrabass und ein kleines Schlagzeug. Dylan hat insgesamt 23 Songs eingesungen. Er trug bei den Sessions keine Kopfhörer, und seine Musiker standen um ihn herum. Die Instrumente wurden nicht aufeinander abgestimmt. Alles war, wie es war. Wenn ihm die Rhythmusgitarre zu leise war, tat Dylan einen Schritt nach vorne. Das macht den Charme dieser Platte aus.“

Am Ende sorgt Dylan, der mit Meisterwerken wie ‚Blonde On Blonde‘ und den ‚Basement Tapes‘ Musikgeschichte geschrieben hat, doch noch für eine Überraschung: „Meine Stimme hat noch auf keiner Platte so gut geklungen wie auf dieser“.