Ein Deutscher verzaubert Las Vegas

Las Vegas..  Der XXL-Bohrer, der Jan Rouven in Höhe des Brustbeins wie eine Cocktailzwiebel aufspießt, muss für die ältere Dame vorne rechts ein Schock gewesen sein. „Holy Shit“, ruft sie und schlägt die Hände vors Gesicht, während ihre Sitznachbarin ins Dunkel auf der Bühne starrt. Für einen Augenblick herrscht Friedhofsruhe im „Tropicana“ in Las Vegas. Und selbst Zuschauer, die fürs Magische nicht sonderlich anfällig sind, zerbrechen sich den Kopf darüber, warum sie gerade etwas gesehen haben, was sie gar nicht gesehen haben können. Für Jan Rouven, der im nächsten Moment mit strahlendem Lächeln und unversehrtem Oberkörper ins Scheinwerferlicht tritt und den Applaus kassiert, müssen diese Sekunden der Genugtuung über die nie versiegende Kraft der Illusion unbezahlbar sein. Zauberhafte Soll-Überfüllung. Bravo!

Rheinischen Singsang kultiviert

In Rouvens Fall: Bravissimo! Mit 32 Jahren schickt sich der Rheinländer in der Entertainment-Hochburg in Nevada an, als erster Deutscher nach den Show-Giganten Siegfried & Roy, die der Biss eines Schneetigers aus der Bahn warf, einen gewaltigen Fußabdruck zu hinterlassen.

Schon das „Riviera“ war ein Erfolg. Elvis hat hier gesungen, der echte. Barbra Streisand auch. Drei Jahre lang hat Jan Rouven hier den Laden vollgemacht und am Repertoire gefeilt. Exquisites Magierhandwerk und der Verzicht auf überkandidelte Posen brachten dem Schlaks viele Preise ein. Der Wechsel ins „Tropicana“, mit 1200 Plätzen doppelt so groß, bedeutet den Aufstieg in die Champions League. Beim großen David Copperfield, der nebenan im MGM Grand seine Materialschlachten inszeniert, kostet die teuerste Karte 130 Dollar. Jan Rouven, der auf der Bühne wie ein verspielter, über sich selbst staunender Junge wirkt, ist nur zehn Dollar billiger. Nach der Show quasselt er mit Zuschauern, lässt sich unzickig fotografieren und freut sich wie Bolle, wenn, wie an diesem Dezember-Abend, Gäste aus Wesel und Karlsruhe im Publikum sitzen. „Der spielt keine Rolle“, sagt sein Manager und Partner Frank Alfter, „der ist so.“

Alfter, Anfang 50, war selbst Profi. Bei den „Magic Orwellis“. Bei einem Straßenfest in Kerpen-Horrem bei Köln fiel ihm eine „freche Kodderschnauze im Kommunionsanzug“ auf. Jan Rouven machte mit zwölf schon Spökes und „ordentliche Kartentricks“. Kurz nach dem Abi, Alfter hatte ihn längst unter seinen Schwingen, trat er in Freizeitparks wie Bottrop-Kirchhellen, Varietés wie dem GOP in Hannover oder auf Kreuzfahrten auf. „Ich wusste immer, das ist mein Ding“, sagt Rouven, der außer Zauberei nichts gelernt hat. So einer landet früher oder später in Las Vegas. Bleiben tun die wenigsten. Bei über 100 Shows pro Abend herrscht ein brutaler Verdrängungswettbewerb.

Und längst stellt die psychedelische Überbietungs-Ästhetik, die mit dem „Cirque de Soleil“ in Las Vegas Einzug gehalten hat, auch die klassische Magie auf die Probe. Dort zehren alle Großmeister von Copperfield bis Criss Angel, dem Rouven nach einem Trick-Diebstahl in dezenter Feindschaft verbunden ist, von der Basisarbeit des Erich Weizs, besser bekannt als Harry Houdini.

Auch Jan Rouven befreit sich wie der weltberühmte Entfesselungskünstler kopfüber an etwas Brennendem hängend aus Zwangsjacken, bevor ihn eine eiserne Bärenfalle zerquetschen kann. Oder er steigt, von Assistenten verkettet, nach 60 Sekunden klatschnass aus einem verschlossenen Wassertank. „Der Trick ist noch Houdini“, sagt Jan Rouven, „nur das Tempo nicht. Man muss viel schneller sein.“

Mit dem Pudel in die Berge

Was Rouven und Alfter am Küchentisch ihrer Traumvilla 15 Autominuten vor der Stadt erzählen, klingt nach einem mittelständischen Betrieb von 40 Leuten, den Gesetze einschnüren: „Ich bin der einzige, der Feuer machen darf auf der Bühne. Wenn die Bude abbrennt, habe ich ein echtes Problem.“ Außerdem steht in seinem Vertrag, dass er keine Risikosportart betreiben darf. „Aber von zwei brennenden Kreissägen dürfte ich zersägt werden.“

Wenn Luft bleibt im engen Programm mit sechs Shows pro Woche, fahren die beiden mit ihrem Pudel „Puccini“ raus in die Berge. Ansonsten bleibt man unter sich. „Es ist schwer, hier Freundschaft zu schließen“, sagt Jan Rouven, „entweder wollen die Leute Sex von dir oder Geld.“ Letzteres hat der Künstler, der sich bis auf ein Jaguar-Cabrio keinen Luxus leistet, hinreichend.