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Echo Klassik

Echo Klassik bringt Melodien für Millionen

17.10.2010 | 22:29 Uhr
Preisträger David Garrett und sein Echo. (Foto: Bernd Lauter/ WAZ FotoPool)

Essen. Essen hatte guten Grund stolz zu sein: eine bedeutende Klassikpreis-Verleihung zur Kulturhauptstadt, der Echo Klassik 2010. Doch bei Moderator Thomas Gottschalk ist ein Spielverderber, wer die Klassik ernst nimmt.

Es ist schwer, diesen Mann in Aktion zu sehen, ohne an „Wetten dass“ zu denken. Verständlich, beide wären ohne einander ja kaum die Hälfte. Und wie er da so schreitet und juxt, und die Arme in die Luft reißt, möchte man es allein für eine Frage von Sekunden halten, dass Thomas Gottschalk jemanden herein bittet, der einen Bagger über vierzig Stradivaris rollen lässt.

Es gibt aber keinen Bagger, nicht hier, nicht in der Essener Philharmonie, nicht dann, wenn Thomas Gottschalk den „Echo Klassik“ moderiert. Es sei denn, man meinte damit jenen Bulldozer namens Show, der alles überrollt, was nicht zum Senden taugt.

Win-Win oder doch eher: Lang Lang

Win-win? Oder doch eher: Lang Lang? (Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool)

Essen hatte Gründe stolz zu sein. Auf eine Klassikpreis-Verleihung, mit leichter Zeitversetzung. Aus seiner schönen jungen Philharmonie in die Wohnzimmer Deutschlands übertragen, natürlich im Kulturhauptstadtjahr und dazu so viele Vorzeigekünstler auf einen Schlag! Der Anlass: der Echo Klassik 2010.

Was das ist? Eine bedeutende Klassik-Auszeichnung. Eine Auszeichnung der Phono-Industrie für die Ihren. Eine Preisverleihung in geschlossener Gesellschaft. Was kann da schon schiefgehen? Man nennt dergleichen wohl eine Win-Win-Situation. Oder eine mit Lang Lang.

Der ist natürlich auch da, donnert und tupft (er kann ja beides so enorm, wenn auch immer etwas viel) und hämmert - und träumt mit den Augen zur Saaldecke hinauf. Als der Klavier spielende Chinese sich musizierend bedankt, ist die Show schon mittendrin. Da hatte David Garrett schon sein bizarres Crossover gegeigt. Da hatte das Publikum längst begriffen (beziehungsweise hatte Gottschalk es ihm wirklich sehr charmant beigebogen), dass dieser Abend eher bei Hans Meiser als bei Mozart anzusiedeln ist. Einer von den beiden sitzt im Saal. Und ein Spielverderber ist, wer die Klassik heute ernst nimmt. Das hier ist eben nur – ihr Echo.

Selbstbewusste Lichtregie

Es ist nicht überliefert, wie stark der Anteil treuer Philharmoniebesucher an diesem festlichen Spätnachmittag im Oktober ist. Doch deuten Fragen („Wann ist das Stück zu Ende?“) auf Quereinsteiger hin. Was schön wäre und natürlich auch ein Sinn dieses großen Preises.

Echo Klassik in Essen

Die Zugereisten jedenfalls werden nicht erkannt haben, dass die Holztüren, durch die die Künstler den Saal betreten, für die Show, also für das Fernsehen und also den interessierten Zuschauer, mit fescher Silberfolie beklebt worden sind. Auch taucht eine selbstbewusste Lichtregie, die einem kleinen zarten Stück von Chopin offenbar keine Note über den Weg traut, den Raum unentwegt in öffentlich-rechtliches ZDF-Orange. Besser hören tut man damit nicht, nicht mal mit dem Zweiten.

Ein bisschen weniger Tralala?

Macht man sich lächerlich, wenn man ein bisschen mehr Kunst und ein bisschen weniger Tralala erwartet hätte? Wahrscheinlich. Außerdem (Juan Diego Florez und Bryn Terfel sagten kurzfristig ab) waren ja viele große Künstler da. Jonas Kaufmann zum Beispiel, der den Pokal aus der Hand des berühmten Sting zwar für sein deutsches „Sehnsucht“-Album bekommt, aber zum Dank Verismo singt. Kein Wunder – das ist sein nächstes Album. Sting singt später auch. Seine brutal verstärkte Mini-Combo durchkreuzt den Versuch, mit Essens ehrenwerten Philharmonikern „Every little thing“ zu klingen.

Das Publikum zieht launig mit, auch wenn der „Echo“ es kaum mehr als Kulisse sein lässt. Es hängt an Gottschalks Lippen, dessen Späße zwar von wenig Sachkenntnis getrübt sind, aber für hübsche Pointen übers Showbiz gut: „Man sollte nur noch solche Konzerte moderieren, aber dann kennt einen in zwei drei Jahren keiner mehr.“

Saaltüren in Silberfolie

Doch es gibt auch rare andere Augenblicke. Vorsichtig tritt Kurt Masur aufs Podium (unlängst ist er am gleichen Ort vor Überschwang umgefallen). Masur, Maestro der Wiedervereinigung und für sein Lebenswerk geehrt, und Hans-Dietrich Genscher, sein Laudator, schenken dem Abend einen stillen Moment, der von der Größe der Bescheidenheit erzählt. Am Ende gesteht Masur, dass er 1989 doch nur für das gesorgt habe, was sein erstes Ziel am Dirigentenpult sei: Harmonie.

Lars von der Gönna


Kommentare
18.10.2010
21:45
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von schriftsetzer | #12

#10

Was will man erwarten, wenn man als Verlag nicht bereit und willens ist, gutes Geld für gute Leute auszugeben um damit im Umkehrschluss auch Leser und damit Anzeigenkunden zu ziehen...? Dann musst Du eben nehmen, was kommt...

18.10.2010
21:42
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von schriftsetzer | #11

Es war - wie weiter oben schon gesagt - eine Show, die auch weniger interessiertes Publikum mitnehmen sollte. Oder warum sonst ist Sting dort aufgetreten?
Gut aufgelegte Philis, es war eine gute und kostenlose Werbung in Sachen Kultur in unserer Stadt. Weiß jemand, warum Soltesz nicht am Pult gestanden hat?

18.10.2010
21:40
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von putsche | #10

Geht doch zum Lachen in den Keller und nehmt Euch weiterhin wichtig !! Thomas Gottschalk hat die Moderation professionell, eloquent und angenehm über die Bühne gebracht. Wenn es nicht erlaubt sein soll Klassik auf diese Weise zu präsentieren, dann wird es der Klassik genauso wie der katholischen Kirche ergehen - ihr laufen die Schäfchen weg ! Und dann ist Schluss mit Subvention, schönes Echo-Galas und Hard-Core-Sendungen auf 3-Sat und Arte !!
Sägt Euch den eigenen Ast ab, auf dem ihr sitzt !
Und Herr von der Gönna sollte seine besserwisserische Art als Journalist einfach sein lassen. Denke, dass man auf jeder halbwegs anständigen Journalistenschule lernt, wie man Meldung und Kommentar trennt. Falls nicht kann sich Herr von der Gönna gerne an mich wenden. Ich hatte Deutsch bis zum Abi und schon damals verstanden, wie es funktioniert.

Glück auf !

18.10.2010
18:45
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von sybilla | #9

Dem kann ich nur zustimmen, auf der anderen Seite wird uns Klassik-Fans ja Gott sei Dank 3-Sat und Arte geboten, sodass wir nicht völlig leer ausgehen.

18.10.2010
17:39
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von kurz-kurz | #8

@7 von sybilla

Sicher ist die Kritik in der FAZ sehr hart formuliert, aber sie trifft den Punkt ziemlich genau.
Aber diese Sendung ist halt nicht für uns gemacht, sondern für die Fans von Herrn Gottschalk.

Ist ja auch in Ordnung, aber für echte Klassik-Fans wird leider nicht viel angeboten.
Aber eigentlich kommen im TV ja sowieso nur Lustige-Musikanten-Fans auf ihre Kosten.

18.10.2010
17:20
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von sybilla | #7

Schade, dass Klassiksendungen immer wie Shows aufgemacht werden müssen. Ohne das Geschwätz von Herrn Gottschalk und stattHäppchen lieber ein paar Gesamtwerke hätten dieser Sendung sehr gut getan! Allerdings war die Kritik von Frau Büning in der FAZ völlig überzogen und typisch für sie. Kein Wunder, dass Kritiker an einigen Spielstätten Hausverbot haben!

18.10.2010
15:36
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von maribe2411 | #6

Weltstars in Essen in der Philharmonie, keine Hobbykünstler! Beste Unterhaltung für Klassik und Pop-Fans.

Jeder Künstler-Vortrag war vollendet.

Th. Gottschalk lockerte endlich die Moderation bei der Klassik auf. So waren auch die Künstler locker gegenüber ihren Fans.

18.10.2010
12:40
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von Ann | #5

Ich kann Thomas Gottschalk einfach nicht mehr sehen, und erst recht nicht hören. Der nervt nur noch!

18.10.2010
12:18
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von Constantin29 | #4

..ich weiß nicht, was der Autor hier erwartet - das war eine ZDF-Fernsehshow und darauf ausgerichtet, auch dsie mitzunehmen, die mit Klassik nicht so viel am Hut haben. Und im Fernsehen benötigt man eben Show-Effekte, sonst guckt keiner zu, sonst läuft es nicht im ZDF..
Dafür war es gelungen und unterhaltsam.

Kommentar #2 verstehe ich nicht. Hier waren Weltstars mit dabei..

18.10.2010
09:21
Echo Klassik bringt Melodien für Millionen
von kulturbeutel | #3

Olga Scheps und Alice Saara Ott. Das kann doch nicht wahr sein. Und wieder Lang Lang. Jedem sei F.A.Z. von diesem Wochenende empfohlen!

Und dann noch die Geschäftsführer der Ruhr 2010. Heiter und lächelnd sind sie sich nicht mehr bewußt, daß sie als Brandstifter für den Tod von 21 Menschen der loveparade mitverantwortlich sind

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