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Drei sind kein Verein

19.02.2010 | 19:40 Uhr
Drei sind kein Verein

Essen. Eigentlich hatten sie ihn zu fünft zu Grabe tragen wollen. Das wäre dann immerhin der ganze Gesangverein gewesen. „Wir waren dann aber nur drei, krankheitsbedingt”, sagt Klaus Halverscheid, „ein schönes Gefühl ist das nicht!” Für Halverscheid, Kassenwart des Männergesangvereins Liederkranz Delle und mit 73 der Jüngste, war es nicht das erste Mal. „Das ist für mich schon der zweite.”

Mit dem zweiten meint der Mann aus Breckerfeld (EN-Kreis) einen Chor, der eingeht, meist ohne letztes Lied. Und zwei sind längst nicht alle. Überall im Land siechen sie, die Klangvollen, die Traditionsreichen. Die „Concordia”, „Ossian” oder „Frohsinn 1917” getauften. Die, die man bis vor fünfzehn, zwanzig Jahren praktisch in jedem ordentlichen Gasthaus allwöchentlich durch die hölzerne Schiebewand schmettern hörte: „Am Brunnen vor dem Tore”.

Oder „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde”. „Die Linde! Mein Lieblingslied”, sagt Klaus Halverscheid, „ich bin ja vom Dorf und vor den Häusern stand doch wirklich eine. Ein Heimatlied.”

Heimat – für Wolfgang Kallien war es 33 Jahre die „Harmonie 1912 Buer-Hassel”. Fast wäre sie 100 geworden. Aber dann wollten sie doch lieber „in Ehren danke sagen statt schlecht zu singen.” Kallien und die Seinen haben letzten Sommer aufgehört. Zehn Mann waren sie da, einst gefeiert bei den Vatertagsauftritten im Schrebergarten Wilhelmsruh. Und überhaupt, ein richtiger Männerchor, – das sagen auch die Frauen – „der bringt was!” Vorbei das Singen, das Bringen. Kallien sagt: „Wenn die Tradition kaputt geht, geht alles andere auch kaputt.”

An den Schulen liege es, da werde nicht gesungen – und daran, dass alle nur noch „einen I-Pod im Ohr haben.” Früher, als Kallien noch bei den Stadtwerken war, da hat er sogar oben auf dem Mast gesungen. Früher „kam es aus der Brust!”. Früher hatten sie sogar einen Partnerverein: 1880 Bad Hersfeld. Auch weg.

Und doch: In Nordrhein-Westfalen singen immer noch 113 000 aktive Sängerinnen und Sänger: 3000 Chöre, 59 Sängerkreise. Manche sind auf Wachstumskurs, manche fusionieren, dritte schrumpfen so lange, bis es ihnen geht wie Breckerfelds „Liederkranz”.

„Es gibt eine Flut von Neugründungen“, sagt Moritz Puschke. Puschke ist Sprecher und Geschäftsführer des Deutschen Chorverbandes. Was in den letzten zwei Jahren hinzugekommen sei, gleiche den Abbruch alter Strukturen aus. Neu seien viele Mädchenchöre, Knabenchöre. Es gebe sogar Arbeitslosenchöre, Obdachlosenchöre, kleine Vokalensembles, Boy- und Girl-Groups mit Jazz, Rap, Pop, Gospel. Dort lebe „die neue Lust am Singen.“ Und: Sie bilde ab, wie die Gesellschaft sich verändert habe: „Es ist wie mit dem Arbeitsplatz: Man bleibt heute nicht mehr 40 Jahre auf derselben Stelle.“

Für Traditionalisten bedeutet das nicht unbedingt Licht am Ende des Tunnels. „Einen Teufelskreis”, nennt Klaus Halverscheid den Versuch, junge Sänger zu gewinnen: „Stellen wir auf modern um, ist unser altes Publikum enttäuscht. Bleiben wir bei Heimatliedern, singt kein Junger mit.”

Jan Elster ist ein Junger: Chorleiter des Traditionsvereins „MGV Hollage”. Er rät zur Selbstkritik. Elster fragt: „Glaubt Ihr allen Ernstes, dass ein junger Mensch Mitte zwanzig Lust hat auf ,Wenn Zigeuner Hochzeit machen’?“ Elsters Vorschläge provozieren: „Als erstes tragt Ihr den Notenschrank zum nächsten Osterfeuer. Dann beschwert Ihr Euch beim Chorleiter darüber, warum er nicht jede zweite Probe ein neues Stück mitbringt. Bewegt Euch!”

Bei einem Durchschnittalter von 73, wie es mancher Chor verzeichnet, leichter gesagt als gesungen. Und was hätte wohl jener Sangesbruder zu „O happy Day”-Forderungen gesagt, der noch als Greis treu zur Probe von „Harmonie 1912” kam? „Herbert Schmidt -- bekannt in ganz Hassel. Er war fast 102”, sagt Wolfgang Kallien. Wohl dem, der älter wird als sein Gesangverein.

Lars von der Gönna

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