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„Drei Schwestern“ in Bochum als Partitur der Räume

07.10.2011 | 21:33 Uhr
„Drei Schwestern“ in Bochum als Partitur der Räume
Eine Komposition der Räume: „Drei Schwestern“. Foto: Thomas Aurin

Bochum.   Der ganze Text soll es sein: Paul Koek inszeniert Tschechows „Drei Schwestern“ am Schauspielhaus Bochum. Drei Stunden, in denen der Zuschauer ein dauerhaftes Hintergrundschnurren vernimmt und die Zeit nur dahinplätschert.

„Die Musik spielt so fröhlich, so munter, und man möchte Leben“, sagt Olga, die älteste der „Drei Schwestern“ , ganz am Ende von Anton Tschechows gleichnamigem Stück im Bochumer Schauspielhaus. Der Zuschauer kann das kaum nachvollziehen: Er hört nun schon seit über drei Stunden immer nur einen wenig variantenreichen Klang, mit dem drei Musikerinnen Motive von Morton Feldman in eine Art dauerhaftes Hintergrundschnurren für die Aufführung verwandeln.

Leerlauf und Antriebslosigkeit

Womit schon zwei Dinge gesagt wären. Zum einen, dass der niederländische Regisseur Paul Koek seinem Ruf als Liebhaber der Langsamkeit auch bei Tschechow gerecht wird, ihn ungestrichen auf die Bühne stellt und die Zuschauer so zu einem wirklich langen Abend verpflichtet. Und zum anderen, dass dieser Koek immer einen Zusammenhang zwischen Rhythmus eines Stückes und einer dazu passenden Musik sucht. Da es in den drei Schwestern vorrangig um Leerlauf und Antriebslosigkeit geht, ist das Sound-Design denn auch wie befürchtet.

Die drei Schwestern Olga (Bettina Engelhardt), Mascha (Anna Grisebach) und Irina (Kristina-Maria Peters) verkümmern mit ihrem Bruder Andrej (Roland Riebeling) nach dem Tod des Vaters in einer Garnisonsstadt, nur die Aussicht auf Rückkehr nach Moskau verbreitet gelegentlich noch Lebensfreude. Doch „Nach Moskau“ wird mit der Zeit zur puren Floskel, zur leeren Hülse, an die schließlich niemand mehr glaubt.

Ein Trio grauer Mäuse

Der Bühnenbildner Theun Mosk hat dafür in Bochum ein dreieinhalb Etagen hohes Wohnhaus auf die Bühne gestemmt, das allein durch die schlanke Vertikale das Verharren widerspiegelt. Das Modell einer städtischen Metropole, sicherlich Sinnbild für Moskau, findet sich hier schon abgeschoben auf dem Schnürboden. Und die fehlende Kommunikation, das aneinander Vorbeireden, lässt sich durch die Aufteilung auf mehrere Zimmer trefflich illustrieren – die Partitur der Räume ist je-denfalls wesentlich effektiver als die der Instrumente.

Koek geizt ja nicht mit Einfällen. Die Schwestern beispielsweise, anfangs noch in leuchtende Prachtgewänder gekleidet, verkümmern auch textilmäßig immer mehr, bis am Ende nur noch ein Trio grauer Mäuse übrig bleibt. Und der Stillstand im Dasein der Geschwister wird im zweiten Teil auch durch Fernsehbilder deutlich, in denen Zugvögel in einer Endlosschleife nicht von der Stelle kommen.

Nur einzelne Figuren sind plastisch

Allein, es reicht dies alles nicht, um das Interesse an den Figuren über eine solch lange Distanz aufrecht zu erhalten. Der Eindruck von Dahinplätschern wird mit der Zeit stärker, zumal nur einzelne Figuren wirklich plastisch werden. Die verheiratete Mascha etwa, aus der Anna Grisebach ein laszives Geschöpf auf der Suche nach Geborgenheit formt. Bei Kristina-Maria Peters zerplatzen die Jungmädchenträume der Irina sehr effektvoll. Und Nadja Robiné kniet sich hingebungsvoll in die Figur der Schwägerin Natalja, die so anders ist als alle anderen. Sie ist so furchtbar antriebsstark.

Arnold Hohmann

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