Drama in Hörspielgefahr

Recklinghausen..  Noch seltener als selten Gespieltes ist der Durchbruch solcher Raritäten. Man muss kein Prophet sein, um George Taboris Erstling auch künftig einen zuverlässigen Aufenthalt im Philologen-Archiv vorauszusagen. Frank Hoffmanns Deutung dieser „Flucht nach Ägypten“ ist ehrenwert; ein Repertoireliebling war bei der Premiere der Recklinghäuser Ruhrfestspiele nicht auszumachen.

Eine Wiener Familie in Kairo 1947: Vater krank, traumatisiert vom Schrecken der Nazis, die Mutter Lili, schön und vielfach begehrt, der Knabe, die Option Hoffnung. Man wartet auf ein Visum nach Amerika. Um die Engels siedelte Tabori vor 63 Jahren kaum mehr als Karikaturen an: altersgeile Ärzte, verschwitze Konsuln, dicke Damen aus der Alten Welt.

Festspiel-Intendant Hoffmann spielt das nicht ungeschickt vom Blatt. Die schwarze, erst spät ins Rotieren geratende, allein mit Möbelzitaten ausgestattete nachtschwarze Bühnenscheibe (Jasna Bosnjak) lässt wie eine alte Schallplatte den schwülen Kosmos der Emigrantenverzweiflung an uns vorbeiziehen, recht zerfranst anfangs, später mit respektabler Dichte.

Im „Kleinen Theater“ des Festspielhauses wird das komplette Ensemble mit Micros ausgestattet. Um die unentwegt lärmende Belüftungsmaschinerie zu übertönen? Es schafft Distanz, lässt die Variationen um vergebene Sehnsüchte oft papieren erscheinen: Manches an diesem pausenlosen 130-Minuten-Abend hat die szenische Attraktivität eines Hörspiels.

Das allein Hoffmann anzulasten, wäre falsch. Noch zu selten blitzt Taboris Genie auf, das Gold aphoristischer Überdrehung aus dem Talmi eines grotesken Jahrhunderts zu gewinnen.

Aus dem Ensemble, in dem Heikko Deutschmanns Franz Engel prominent gastiert, ragt Ulrich Kuhlmann heraus: das schonungslos Anti-Humanitäre so genannter Zivilisation, erfühlt seine Studie des Doktor Ghoulos mit schauriger Gelassenheit. Da hören wir schon jenen Tabori, wie er später in Vollendung klingt. Und später war er einfach besser.