Dortmunds „Csárdásfürstin“ ist kein großer Wurf
14.01.2013 | 19:23 Uhr 2013-01-14T19:23:00+0100
Dortmund. Kaputtkriegen wird man diese goldene Operette nie. Aber die Dortmunder Oper nutzt in ihrer jüngsten Premiere längst nicht alle Möglichkeiten von Emmerich Kálmáns Prachtstück, Manches wirkt wie aus dem Tourneetheater.
Dortmunds Oper spart, wo sie kann (dem Flurfunk zufolge reicht das nicht und es wird bald vielleicht noch enger). Zum Beispiel spart sie, indem Intendant Jens-Daniel Herzog Inszenierungen anderer Häuser übernimmt. Was in Chemnitz ankommt, kann ja bestenfalls auch in Dortmund gefallen.
Mit der „Csárdásfürstin“ (eingekauft vom Staatstheater Nürnberg) tut sich das seit Jahren kränkelnde Musiktheater keinen großen Gefallen. Gewiss: Völlig kaputtzukriegen ist Emmerich Kálmáns 1915 entstandener Geniestreich, in dem sich Ohrwurm an Ohrwurm reiht, schwerlich. Von mitreißendem, sprühenden, ja bestenfalls doppelbödigen Operettencharme ist dieser Abend allzu oft weit entfernt.
Es schneit reichlich, aber flockig ist es nicht
Es schneit immerhin viel in Ricarda Ludigkeits Inszenierung. Leider zeitigt das gewählte Wetter weder Flockiges noch führt es die vom Krieg durchwucherte Entstehung und Handlung aufs spiegelnde Eis der Zeitkritik. Das Extrablatt zur Mobilmachung, frisch Rekrutierte am Horizont: zahme Zeichen. Niemand muss die Story in den Schützengraben stoßen, wie es Peter Konwitschny einst tat. Aber auch auf der U-Seite, dort also, wo es feinfrivol moussieren muss, tröpfelt Ludigkeits eher schaumweiniger Zugriff im sacht maroden Einheitsbühnenbild Rainer Sinells vor sich hin.
Im Dortmunder Theater sollten zwei Hunde in einer Operette auftreten. Doch das hat sich nun wohl erledigt, denn Tierschützer protestieren. Die Rechtslage ist auf ihrer Seite. Das ist aber nicht der einzige Grund für den Protest - auch ein Amtsantritt in der Vergangenheit spielt eine Rolle.
Auch die Choreografie geht auf Ludigkeits Konto, das damit nicht ins Plus gerät. Man sieht ein Luftballonballett (überraschenderweise Herzen) und dann tanzen auch noch Clowns. Zwangsläufig denkt man angesichts dieser animierten Hilflosigkeit an Silvester-Bespaßungen des Mitteldeutschen Rundfunks.
Tragikomödie der Stände
Die Menschen in dieser Tragikomödie der Stände (Fürst liebt Tingeltangel-Mädel), sie bleiben traurig blass. Vieles wirkt unterprobt, auch Tänze und mancher musikalische Einsatz. Und so seidig fein die besten Momente der Dortmunder Philharmoniker klingen: Philipp Armbrusters Dirigat verlangt dem Orchester eine Zurückhaltung ab, die dem Riesenrachen des Zuschauerraums nicht dient. Stark der Chor, rechtschaffen solide die Solisten, aus denen Tamara Weimerichs Comtesse quecksilbrig herausragt. Es gab starken Applaus für sie alle. Als das Regieteam kam, fiel er merklich ab.
Termine: 18., 27.1.;3.,10., 14.,17.2. Tel. 0231-5027222
08:27
Dies vorab: wir besuchen seit dem Rauswurf der Intendanz und eines großen Teils des Ensembles nur noch die Aufführungen des Dortmunder Balletts, dies stets mit großem Genuss. Insofern könnte klammheimliche Freude bei dem Verriss der Inszenierung der Czardasfürstin aufkommen, da unsere Auffassung von der derzeitigen Qualität von Dortmunder Oper und Schauspiel bestätigt werden.
Irritierend ist allerdings, dass in der Dortmunder Papierausgabe der WAZ eine schiere Lobeshymne derselben Premiere zu lesen ist, die im nächsten Programmheft der Oper gern abgedruckt werden wird.
Wenn die WAZ nach dem Schlucken der WR das Meinungsmonopol in der mitte-links-bürgerlichen Kulturszene erreicht hat, sollte dies nicht auch bedeuten, dass jegliche Ernsthaftigkeit bei der Beurteilung künstlerischer Leistungen verloren geht. Fair wäre es gewesen, beide Kritiken nebeneinander auf der Kulturseite zu veröffentlichen. So wie hier geschehen an zwei verschiedenen Orten der WAZ sind beide Kritiken nur peinlich.
Und so verwundert es mich noch mehr, dass dieser Unterschied nicht nur zwischen der Dortmunder Papierausgabe und dem Artikel hier. In anderen Ausgaben der WAZ, wie Z.B der in meiner Heimatstadt Gladbeck, war ausschließlich nur der Verriss der Inszenierung zu lesen. Meiner Meinung: Beide Kritiken oder gar keine!
18:29
Zuallererst einmal: Einfachheit muss nichts schlechtes sein! Auch ich war an diesem Abend anwesend. Über manches kann man bestimmt streiten, so wie über die Praxis der Übernahme von Stücken, aber die Bezeichnung als animierte Hilflosigkeit ist schlichtweg eine Frechheit. Ich bin nicht sicher, ob der "VERFASSER" dieser Rezension das Stück wirklich komplett gesehen hat. Der Applaus am Ende dauerte übrigens knapp 20 Minuten und es gab bei weitem keinen hörbaren Unterschied in der Lautstärke.
18:20
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