Doppeltes Finale fürs Klavierfestival Ruhr

Igor Levit
Igor Levit
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Was wir bereits wissen
In der Essener Philharmonie gab sich Martha Argerich mit Cellist Mischa leidenschaftlich. Igor Levit begeisterte vor allem mit Sensibilität .

Essen..  Zum Schluss greift das Klavierfestival Ruhr noch einmal in die Vollen. Setzt orchestrale Pracht gegen kammermusikalische Leidenschaft. Pflegt eindrucksvoll den „nordischen Ton“ und mit dem Duo Martha Argerich/Mischa Maisky (Klavier/Cello) die großen Namen. Ihnen gegenüber steht ein junger, gleichwohl meisterhafter Pianist, der Russe Igor Levit.

Ein Finale, gebündelt in zwei Konzerten der aufregenden Art, in Essens Philharmonie. Dabei lassen es Martha Argerich und Mischa Maisky zunächst gemäßigt angehen. Beethovens Variationen über ein Thema aus der „Zauberflöte“ wirken eher verhalten denn von großem Esprit geprägt. Die beiden Solisten verstehen sich im Grunde blind, doch die dynamische, klangliche Balance will sich erst allmählich einstellen.

Romantischer Gestus

Dann aber, in den Sonaten für Cello und Klavier von Schostakowitsch und César Franck, packen Argerich und Maisky den großen Ton der Leidenschaft aus, die unbedingte Hingabe an die musikalische Wirkmacht. Beider Temperament ist einzigartig, die Pianistin setzt es kontrollierter ein, der Cellist scheut nicht die überbordende Geste.

Schostakowitschs Werk, pendelnd zwischen romantischem Gestus, aufreizender Motorik und dunkel verhangener Elegie, wirkt dabei noch etwas ungeschliffen interpretiert. Die Franck-Sonate aber, ei­gentlich für Violine und Klavier geschrieben, klingt auf wie ein düsterer, brüchiger Monolith. Die musikalischen Fortgänge erstarren bisweilen, es herrscht ein dunkel-verzweifelter, ja tristanesk-ver­zwei­fel-ter Tonfall vor.

Tags darauf steht Igor Levit im Fokus, der Edvard Griegs Klavierkonzert nicht in plakativ stemmt, sondern sensibel nachzeichnet. Der sich als intelligenter Gestalter entpuppt, als Klangmagier vor allem im Spektrum der leisen Töne. Levit, 28 Jahre jung, spielt gleichwohl außergewöhnlich ausgereift und reflektiert. Und so mangelt es etwa Griegs markigen Akkordfolgen nicht an Kraft, doch Levit will sie keinesfalls zur Schau stellen, sondern stets das große Ganze im Blick haben. Mit ihm interpretieren das WDR Sinfonieorchester Köln und der finnische Dirigent Hannu Lintu dieses Klavierkonzert.

Der Mann am Pult liebt schon eher die ausholende Gestik, setzt auf Pracht und Prunk, nicht ohne den Hang zur Überzeichnung. Manchmal kommen sich Solist und Orchester dabei ins Gehege, doch insgesamt überwiegt der Eindruck einer romantischen Lesart, die aus der Seele kommt – und das ist vor allem Levits Verdienst.

Zuvor eine Überraschung: Carl Nielsens Konzertouvertüre „Helios“ über den täglichen Lauf der Sonne, ein tonmalerisches Gebilde mit Morgenstimmung, gleißendem Licht und Abendfrieden. Eine Rarität, vom Orchester wunderbar aufgefächert.

Bleibt als Manko der Hang zur dynamischen Überzeichnung. In Sibelius’ 2. Sinfonie wirkt deshalb das Hymnische oft grobschlächtig. Und die Brüche dieser Musik verlieren bisweilen an Kontur. Mitreißend aber spielen die Kölner allemal.