Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Musiktheater

„Don Carlo“ am Musiktheater als Opernthriller ohne Mätzchen

23.12.2012 | 18:49 Uhr
„Don Carlo“ am Musiktheater als Opernthriller ohne Mätzchen
Petra Schmidt als Elisabeth, Daniel Magdal als Carlo.Foto: Pedro Malinowski

Gelsenkirchen.   Hohe Regiekunst, fabelhaft musiziert: Verdis „Don Carlo“ hatte am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier Premiere. Es wurde die gefeierte Premiere einer neuen Inszenierung, die auch in gesanglicher Hinsicht rauschhaft und abgründig schön war.

Hilsdorfs Meisterinszenierung von Verdis „Don Carlo“ hält sich seit 1988 (!) im Repertoire des Aalto. Dass sich auch ein kleineres Haus selbstbewusst dem Werk stellen kann, beweist jetzt gleich nebenan das Musiktheater im Revier: Samstag feierte man ein Kammerspiel mit Thrillerqualitäten.

Man kann Stephan Märkis strenge, auf den ersten Blick konventionelle, in Details aber meisterlich anspielungsreiche Deutung vielleicht sogar als Gegenentwurf zu Hilsdorfs fordernder Bilderflut begreifen. Und fragt man sich angesichts dieser mehr als drei spannenden Opernstunden, was eigentlich gutes Theater ausmacht, wird eine so einfache wie heikel umzusetzende Binse die Antwort sein: Man muss die Geschichte erzählen können, muss den Menschen Raum geben, um die es geht, ja, muss noch Monstern eine Seele zubilligen.

Weihnachtszeit
Hagener Ballett bei Weihnachtsaktionen im Stress

Besinnliche Gefühle kommen beim Hagener Ballett kaum auf. Denn Weihnachtszeit bedeutet für die Aktiven Hochsaison. Selbst an Weihnachten wird gearbeitet. Ein Fest mit der Familie kommt für die Tänzerinnen und Tänzer gar nicht in Frage – sie sind aus aller Welt in die Volmestadt gekommen.

Märki hat eine sichere Hand für den Krieg der Herzen und der Länder am spanischen Hofe. Eben noch „friert“ er die Machtbande von König zu Königin ein, lässt Grabeskälte ahnen, dann wieder zieht er eine feine Linie bis zur Diktatur des 20. Jahrhunderts, wenn Hofstaat und Volk an Lorca denken lassen. Sascha Gross’ grauer Einheitsbunker lässt keinen Zweifel, dass die schönen Tage von Aranjuez lang vorüber sind. Die doppelgesichtigen Kostüme Anna Einermanns komplettieren das stimmige Szenario.

Im Zeichen des Kreuzes

Es ist keine Beugung des Stoffes, dass Märki das Stück stark im Zeichen des Kreuzes deutet: Carlo und sein Freund Posa bilden es mit ihren Körpern. Später wird der Großinquisitor mit Dornenkrone als Schmerzensmann Opfer fordern. Allein: Ein dicker Kardinalsklunker an der Hand verrät das Büßergewand als klerikale Heuchelei.

Musikalisch rauschhaft schön

Schillers Tragödie, die intrigenreich Individuum und Staatsräson zu Gegnern macht, hat Verdi (trotz schlimmer Wehen) zu einem seiner größten Geniestreiche geführt. Seine Lieblingsthemen (von übermächtigen Vätern bis zur Liebe im Würgegriff der Hierarchie) hat Schiller grandios vorgegeben, Verdi zog gleich. Musikalisch ist dieser Abend so rauschhaft wie abgründig schön. Famos transparent leuchtet die Neue Philharmonie Westfalen die Klänge zwischen Triumph und Terror aus. Und was für Sänger. Günter Papendells Posa ist ein Ereignis: ein verschwenderisch strömender Bariton, der noch im Großen Kunstliedfarben zeigt. Daniel Magdal stellt sich mit Kraft den Carlo-Höhen. Seine eigenwillige Stilistik erinnert an Schellack- Tenöre; einige Gondoliere-Schluchzer müssten nicht sein. Petra Schmidt ist eine überwältigend lyrische Elisabeth, Gudrun Pelker eine Eboli von packender Präsenz. Und Renatus Mészárs Philipp feiert das Premierenpublikum für die Studie, um die es geht: den Abgesang der Macht.

  • Nächste Termine der sehens- und hörenswerten Inszenierung: 26.Dezember; 4., 12., 20., 27. Januar; 3.Februar. Karten (10,50 bis 37€) können unter Tel. 0209-4097200 reserviert werden.

Lars von der Gönna



Kommentare
23.12.2012
21:00
„Don Carlo“ am Musiktheater als Opernthriller ohne Mätzchen
von EinTheaterbesucher | #1

Gudrun Pelker hat die Premiere gestern nicht gesungen. In welcher Vorstellung waren denn Sie, lieber Herr von der Gönna?

Aus dem Ressort
Konstantin Wecker freut sich auf sein Konzert in Gladbeck
Musik
„40 Jahre Wahnsinn“. Die Stadthalle in Gladbeck ist der einzige Spielort in NRW zur Jubiläumstour von Liedermacher und Friedenskämpfer Konstantin Wecker. Der gebürtige Münchener schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet, das hat er uns jetzt im Interview verraten.
Essener Regisseur inszeniert „Wunder von Bern“ als Musical
Musical
Folkwang-Professor Gil Mehmert führt Regie – ein Gespräch vor der Premiere am Sonntag in Hamburg über Revier-Verbundenheit, einen neuen Schub für die deutsche Musical-Szene und die Wiederbelebung von Wir-Gefühlen“ und Teamgeist.
Ein Star und viele Sternchen beim Hagener Kurzfilmfestival
Filmfestival
Schaulaufen beim Hagener Kurzfilmfestival „Eat my shorts“. Schauspieler wie Nastassja Kinski, Ralf Richter oder Showgröße Tanja Szewczenko posierten vor den Kameras, ehe sie im Kinosaal verschwanden, um die sechs ausgewählten Filme zu schauen.
Buch erzählt die Geschichte der Popolskis und der Pop-Musik
Comedy
Nach der Auflösung der Familie Popolski wird ihr verrücktes Treiben auf den Bühnen und im Fernsehen in Buchform festgehalten. Pavel Popolski alias Achim Hagemann erzählt die frei erfundene „wahre Geschichte“ der Pop-Musik. Noch ein Medium, das die Popolskis mit ihrer schrägen Story besetzen.
Von Fan beleidigt - Morrissey bricht Konzert in Polen ab
Morrissey
Trotz seiner Krebserkrankung tourt der britische Künstler Morrissey weiter durch Europa. Ein Konzert in Polen brach der einstige "The Smiths"-Sänger in dieser Woche ab, nachdem er von Fans wohl beleidigt wurde. Am Montag spielt Morrissey ein Konzert in Essen.
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?