Dieter Kühn - Schauern mit Hitlers Schutzengel
24.01.2010 | 15:12 Uhr 2010-01-24T15:12:00+0100
Essen. Was wäre, wenn . . . Dieter Kühn, der am kommenden Wochenende 75 Jahre alt wird, hat vier Erzählungen geschrieben, die den Verlauf der Geschichte auf den Kopf stellen
Zwei Drittel der Deutschen über 14 glauben an Schutzengel – kein Wunder, die Demoskopen haben ja nur (Über-)Lebende gefragt. Aber dass auch der Massenmörder Hitler einen Schutzengel gehabt haben soll? Der Gedanke ist, trotz der vielen Attentate, die der Obernazi knapp überstanden hat, tollkühn. Wahrscheinlich hat ihn deshalb Dieter Kühn aufgegriffen, der hochproduktive Altmeister der deutschen Biografik, der am 1. Februar seinen 75. Geburtstag feiert.
Eigentlich muss er nichts mehr beweisen, niemandem. Dieter Kühn hat uns, viel früher und gekonnter als andere, den Aberglauben ausgetrieben, es könne eine objektive, abgerundete, in sich schlüssige Biografie geben: Als hätte ein Leben ein Ziel, auf das es von vornherein hinausläuft. Nein, die gesicherten Fakten eines Lebens sind oft das wenigste, was wir darüber wissen; die Lücken dazwischen aber sind das Interessante, und sie lassen sich nur auffüllen mit Spekulationen, mit Bildern, mit literarischem Erzählen, das sich erkennbar macht als wirklichkeitsgespeiste Phantasie.
Montage- und Collagetechniken
Dieter Kühn hat das mit seinen Montage- und Collagetechniken mustergültig vorgeführt, von „Josephine” Baker bis zum fulminanten Roman „Ich Wolkenstein”, vom Debüt-Roman „N” über Napoleon bis zu den erhellenden Büchern über Clara Schumann und „Frau Merian”.
Er hätte den billigen Effekt nicht nötig, den ein „Hitler” im Titel immer einbringt: Sein neuer Band mit vier „Fiktionen” über den Tod des „Führers” umkreist den unbehaglichen, aber nicht ganz neuen Gedanken, dass nur Hitlers Überleben bis 1945 die totale Niederlage der Nazis möglich gemacht hat und damit den radikalen Schnitt für den demokratischen Neubeginn. Die Alternativen, die Kühn durchspielt – Göring als Reichskanzler, nachdem Georg Elsers Attentat in München den Rest der Nazi-Elite getötet hat; Rommel als Reichspräsident in der neuen Hauptstadt Köln, nachdem Henning von Tresckows Attentat auf Hitler glückte – jagt nur Unbehagen ein. Das tut allerdings auch der Gedanke, dass die vier Erzählungen in diesem behaglichen Unbehagen schon ihr Ziel gefunden haben könnten.
Dieter Kühn: Ich war Hitlers Schutzengel. S. Fischer Verlag, 206 Seiten, 17,95 Euro.
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