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Dieser Carmen fehlt das Charisma

16.10.2011 | 17:31 Uhr
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Dieser Carmen fehlt das Charisma
Sergej Khomov (José) und Isbelle Druet (Carmen) in der Rheinoper-Version der Oper. (Foto: Hans Jörg Michel)

Duisburg.   Bizets „Carmen“ ist längst mehr als nur eine Oper, mehr schon ein Weltstoff. Zahlreiche Verfilmungen haben das bereits gezeigt, haben die Titelfigur in die US-Südstaaten oder in die südafrikanischen Townships verpflanzt. In Duisnurg sieht man jetzt das Original.

Neun Jahre liegen zurück, seit Jérome Savary an der Deutschen Oper am Rhein Bizets „Carmen“ in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs verlegte. In der neuen Produktion, die jetzt mit großem Erfolg im ausverkauften Duisburger Theater ihre Premiere feierte, kann sich auch Carlos Wagner nicht mit dem 19. Jahrhundert Merimées und Bizets anfreunden.

Wir erleben ein schwarz- und braungetöntes, raffiniert ausgeleuchtetes Andalusien aus der brutalen Bilderwelt des Malers Francisco Goya – inklusive skurriler Zwerge und bedrohlicher Minotauren. Der deutschstämmige Venezolaner Carlos Wagner entzieht damit zwar dem üblichen Spanien-Folklorismus den Nährboden. Das Konzept geht dennoch nicht auf. „Carmen“ als Geschlechterkampf einer starken Frau mit einem ebenso starken und eigenwilligen Mann weist nahezu keine Berührungspunkte zu Goyas albtraumhaften Bildern von Inquisition und Wahnsinn auf.

Sinnvoller lassen sich da schon Parallelen zum traditionellen Stierkampf herstellen, die Wagner allerdings plakativ bis zu unfreiwilliger Komik zur Schau stellt. An allen passenden und vor allem unpassenden Stellen wedelt irgendjemand mit einer Muleta oder einem ähnlichen Textil herum. Und ständig fühlt sich jemand motiviert, wie ein Stier in eins der Tücher zu laufen. So sind’s halt, die Spanier. Oder etwa nicht?

Ausgeleiertes Ritual

Damit könnte man leben, wenn nicht durch die Mechanik dieses im Laufe des Abends ausgeleierten Rituals die explosive Dramatik des finalen und letalen Schlussduetts wie eine Seifenblase verpuffte. Der nackte, von Bizet mit unwiderstehlichem psychologischem Instinkt in Töne gesetzte Kampf zwischen Mann und Frau verheddert sich im Kleinkrieg mit Tüchern und stilisierten Stierköpfen.

Wagners Scheu vor klischeehaften Carmen-Vorstellungen führt zudem dazu, dass die magische Anziehungskraft der legendären Heldin unklar bleibt. Äußerlich unterscheidet sie sich vom optisch und gesanglich attraktiven Umfeld ihrer Kolleginnen nur marginal. Und auch die Vorzüge ihrer charismatischen Persönlichkeit vermag Wagner nicht pointiert herauszustellen. Das Ereignis bleibt aus.

Hauptrolle vierfach besetzt

Die Titelrolle ist für die vielen in Duisburg und Düsseldorf vorgesehenen Aufführungen gleich vierfach besetzt. Für die Premiere übernahm man Isabelle Druet, die die Partie bereits in Metz und Nancy gesungen hat, den Stätten, in denen die Produktion im Januar aus der Taufe gehoben wurde. Eine kultivierte Mezzosopranistin mit einem warmen, dunklen Timbre, allerdings sowohl stimmlich als auch darstellerisch von sehr zurückhaltendem Temperament. Da hat Sergej Khomov als Don José eine Menge mehr zu bieten. Mit bohrender Intensität und in bester stimmlicher Verfassung setzte er die eindeutig stärkeren Akzente.

Kleinere Rollen vorzüglich besetzt

Richard Šveda als Escamillo verkörperte mit seinem noblen Kavalierbariton einen spanischen Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Zu den Stars des Abends gehörte Anke Krabbe als eine Micaëla, die mehr Mumm und Emotion verströmte als die Titelheldin. Vorzüglich besetzt sind die kleineren Rollen mit Johannes Preißinger, Daniel Djambazian, Alma Sadé und Iryna Vakula, die wesentlich zu den exzellent gesungenen Ensembles beitrugen.

Ein nicht immer nachvollziehbares Wechselbad zwischen messerscharfer dramatischer Attacke und geradezu zeitlupenartigen Tempi bot Generalmusikdirektor Axel Kober am Pult der wie nahezu immer erstklassig disponierten Duisburger Philharmoniker. Trotz kleiner Abstriche: Dass es der Aufführung an emotionaler Zuspitzung fehlte, lag nicht an ihm. Viel Beifall für alle Beteiligten, vereinzelte Buh-Rufe für das szenische Team. Ein Sonderlob verdient die Lichtregie Fabrice Kebours. Eine Produktion, die niemandem weh tut, aber den letzten Schliff vermissen lässt.

Pedro Obiera

Kommentare
18.10.2011
19:20
Dieser Carmen fehlt das Charisma
von ArminKlaes | #1

Verehrter Herr Obiera, ich verstehe sehr gut, was sie bemängeln, komme dennoch zu einem anderen Endergebnis: Eine absolute Top-Leistung des Gesamtensembles, die Duisburger Philharmoniker und künstlerische Leitung absolut spitze, die Inszenierung ebenfalls, und: Sie vergessen leider die Premiere des Kinderchors der Deutschen Oper am Rhein-ein herzerfrischender Beitrag voller Spiel- und Singfreude, ein Sonderlob für Kinder und Verantwortliche!

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