DieEiszeitist noch immer da

Allenthalben ist vom Klimawandel die Rede, davon also, dass die irdische Atmosphäre sich in einem von Menschen geschürten Treibhaus stetig erwärmt. Passend dazu hat die US-amerikanische Behörde für Atmosphäre und Ozeane kürzlich festgestellt, das Jahr 2015 habe gute Chancen, das wärmste seit 1880, dem Beginn einheitlich erhobener Temperaturdaten, zu werden. Und trotzdem lebt die Menschheit, was selten erwähnt wird, noch immer in einer Eiszeit.

„Die Sache ist schon ein bisschen paradox“, sagt der Meeresgeologe Johann Philipp Klages vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven: „Wir sprechen immer von der ,letzten Eiszeit’, die vor etwa 12 000 Jahren geendet haben soll – dabei hält sie noch immer an.“

Die Erde im Eiszeitalter

Aus Sicht von Experten liegt eine Eiszeit nämlich immer dann vor, „wenn große Teile der Erde dauerhaft vergletschert sind“. Damit meint Klages vor allem die beiden Polkappen, also die eisbedeckte Antarktis auf der Südhalbkugel und den zwei bis drei Kilometer dicken grönländischen Festlands-Eisschild nahe dem Nordpol, der seinerseits großflächig von Meereis bedeckt ist. Allein das komplette Schmelzen des Grönlandeises würde den Meeresspiegel weltweit um gut sieben Meter heben.

Umstritten unter Fachleuten ist, ob beim Vorliegen einer Eiszeit beide Polkappen vereist sein müssen oder bloß eine. Letzteres ist seit 33 Millionen Jahren der Fall: Seitdem befindet sich die Erde im Känozoischen Eiszeitalter – benannt nach der Erdneuzeit (Känozoikum).

Insgesamt sieben Eiszeiten

Ausgelöst durch kontinentale Verschiebungen, welche die Antarktis von Südamerika und Australien trennten, konnte sich seinerzeit erstmals ein Meeresstrom ausbilden, der die gesamte Antarktis umrundete. Dieser unterband das Vordringen warmen Wassers von Norden her zur Antarktis, weshalb die Temperatur weltweit um etwa 5 Grad Celsius sank. Als Folge begann die Antarktis zu vergletschern – erstmals wieder seit über 250 Millionen Jahren. Insgesamt geht man von sieben Eiszeitaltern in der Erdgeschichte aus, deren ältestes vor etwa 2,4 Milliarden Jahren begonnen haben soll.

Beide Pole sind erst seit etwa 2,6 Millionen Jahren vereist, womit der jüngste Zeitabschnitt der Erdgeschichte begonnen hat: das Quartär. Für einen Teil der Fachleute war erst mit der Vergletscherung beider Pole die entscheidende Bedingung erfüllt, um von einer Eiszeit zu sprechen.

Heute leben wir immer noch in diesem Eiszeitalter, allerdings in einer warmen Epoche mit dem Namen Holozän. Diese Phase löste vor etwa 12 000 Jahren das Pleistozän ab, mit dem das Quartär-Zeitalter vor 2,6 Millionen Jahren eingesetzt hatte. Innerhalb des Pleistozäns gab es elf größere Kaltzeiten, in denen die Eispanzer wuchsen und mächtige Gletscher aus Gebirgen die Täler hinabkrochen. Von diesen Kaltzeiten des Quartärs sind in Deutschland nur noch von vieren Spuren sichtbar (im Alpenraum von der Günz-, Mindel-, Riß- und Würm-Kaltzeit, in Norddeutschland von den dort anders benannten Elbe-, Elster-, Saale- und Weichsel-Kaltzeiten).

„Umgangssprachlich werden Kaltzeiten oft Eiszeiten genannt“, sagt Johann Philipp Klages. In dazwischenliegenden, kürzeren Warmzeiten verschwinden die großen festländischen Eisschilde nicht ganz und in Hochgebirgen halten sich oft Gletscherreste.

Nahende Kaltzeit ist nicht aufzuhalten

Von den elf Kaltzeiten der gegenwärtigen Eiszeit war die Würm-Kaltzeit des Alpenraumes mit ihrem Maximum vor 20 000 Jahren die jüngste und bisher letzte. Fachleute gehen davon aus, dass die nächste Kaltzeit des aktuellen Eiszeitalters nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt. Ob in 10-, 15- oder 20 000 Jahren – wann genau die nächste Kaltzeit einsetzen wird, sei „sehr, sehr unsicher“, räumt Klages ein.

Zu komplex ist das Zusammenspiel möglicher Ursachen für Kalt- und Warmzeiten. Dass die Menschheit imstande sein wird, mit klimawirksamen Abgasen die nächste Phase massiver Gletschervorstöße zu verhindern, sei unwahrscheinlich; eher werde sie die kommende Kaltzeit „nur hinauszögern“ können.

Generell wechseln Eishaus- und Treibhaus-Klimate im Laufe der Erdgeschichte einander ab. Im Treibhausklima steigt der Gehalt der Atmosphäre an Kohlendioxid (CO2) stark an, wodurch diese sich „sehr viel stärker aufheizt“, so dass Gletscher schwinden; im Eishausklima sinkt der CO2-Gehalt. In der Kreide-Zeit, „der letzten erdgeschichtlichen Epoche mit Treibhausklima, hat es überhaupt keine Eisschilde auf der Erde gegeben“, sagt Johann Philipp Klages.

Ob die Erde umgekehrt jemals für Millionen von Jahren ein gigantischer Schneeball („Snow Earth“) war, sei in der Fachwelt „immer noch umstritten“. Es gebe wenige und nicht eindeutige Indizien, auch weil das fragliche Zeitfenster einer solchen „globalen Eiszeit“ – 600 bis 700 Millionen Jahre vor der Jetztzeit – „sehr lange zurückliegt“.

Als ein Argument gegen den irdischen Schneeball führen Kritiker ins Feld, dass eine Millionen Jahre dauernde Komplettvereisung der Erde keine auf Sauerstoff angewiesenen Pflanzen hätte überleben lassen. Die Atmosphäre enthält aber seit etwa 2,4 Milliarden Jahren nachweislich Sauerstoff – Fließgewässer durchgängig noch eine Milliarde Jahre länger.