Die zwei Seiten einer Ehe

Essen..  Seinen Dortmunder Freunden gilt die Widmung in Stephan Thomes neuem Roman „Gegenspiel“, das diesen Titel zu Recht trägt: ein Gegenspiel und -stück zum Vorgänger „Fliehkräfte“. Ging es dort um einen Bonner Hochschulprofessor in der Midlife-Crisis, so erzählt Thome nun von dessen Gattin Maria. Dass diese typische Akademiker-Ehe ihre schwärzesten Stunden im Ruhrgebiet erlebt, man könnte es dem 42-Jährigen, seit dem Debüt „Grenzgang“ eine der großen literarischen Nachwuchshoffnungen, übel nehmen. Wenn er nicht so ein begnadeter Autor wäre, der auch dem Schwarz noch Schattierungen abgewinnt.

In Bergkamen leidet Maria nicht nur unter der lähmenden „Agonie der Region“, sondern auch unter einer postnatalen Depression. Von Lissabon aus war Maria nach Berlin gekommen, aus dem Gefühl heraus, nichts verpassen zu wollen. Die Ehe mit Hartmut aber führt sie in die Provinz, erst ins Ruhrgebiet, später nach Bonn. In Rückblenden führt uns Thome ein Leben vor Augen, das vom Kreuzberger Aufbegehren in eine Existenz mündet, die bei nachmittäglichen TV-Soaps Trost sucht: „Manchmal staunt sie darüber, wie viel Zeit im Leben sie mit Tagträumen vertan hat, mit Täuschungsmanövern, deren erstes Opfer sie selbst war.“ Schließlich kehrt Maria zu ihren Anfängen zurück: und nimmt eine Stelle an einem Berliner Theater an. Eine Zerreißprobe für ihre Beziehung.

Virtuos gelingt es Thome, die Schauplätze lebendig werden zu lassen; irritierend wirkt die sprachliche Ähnlichkeit des „Gegenspiels“ zur Männersicht. So richtig nah kommen wir Maria nicht. Auf eine schöne, gemeinsame Verfilmung beider Werke dürfen wir dennoch hoffen – schließlich hat schon „Grenzgang“ TV-Tauglichkeit bewiesen.