Die Wirkung der Handschrift
02.02.2009 | 06:56 Uhr 2009-02-02T06:56:00+0100
Dortmund. In der Handschriftensammlung der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek ruhen wahre Schätze. Wer sich durcharbeitet, findet außergewöhnliche Schriftstücke - in denen sich der König für Heringe bedankt, zum Beispiel.
Das soll Friedrich der Große geschrieben haben? Diese unscheinbaren, winzigen Buchstaben, jede Linie ausgeprochen blass, macht- und kraftlos wirkend? Ja, es stimmt. Und es war sogar der wohl letzte Brief, den der berühmte Preußenkönig (am 1. Juli 1786) verfasst hat. Das historische Papier gehört zu den wertvollsten Stücken der Dortmunder Handschriftensammlung.
Kein Abdruck könnte ein solches Gefühl wecken
- Die Dortmunder Handschriftensammlung umfasst nahezu 30 000 Einzelstücke, etwa 115 Nachlässe und mehrere Tausend Frühdrucke ca. ab 1500 n. Chr., so auch die deutsche Erstausgabe von Daniel Defoes „Robinson Crusoe” (1720).
- Hinzu kommen rund 900 historische Landkarten und Stadtansichten.
- Ältester Besitz ist ein Pergament-Schriftblatt von Gregorius Magnus, das zu einem Codex des 9. Jahrhunderts gehört.
- Die Adresse: Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, Westfälisches Handschriftenarchiv, Königswall 18, 44137 Dortmund, Leitung: Jens André Pfeiffer, 0231/50-23 206
Die wenigen Zeilen, die der kranke König aufs Blatt strichelte, sind auch inhaltlich bemerkenswert: Der Monarch bedankt sich bei einem Markthändler für die jüngste Herings-Lieferung. Derlei höfliche Bescheidenheit wirkt in dieser Schriftform schlichtweg anrührend. Kein Abdruck könnte ein solches Gefühl wecken. Dies vermag nur die originale Handschrift.
Bundesweite Bedeutung
Die Dortmunder Sammlung in der Stadt- und Landesbibliothek, die auch frühe Druckwerke und Dichter-Nachlässe umfasst, ist mindestens bundesweit bedeutsam. Ob Goethe, Annette von Droste-Hülshoff, Karl Marx, Thomas Mann, Albert Schweitzer oder auch US-Präsidenten wie Coolidge und Nixon – hier werden eigenhändige Schriftstücke vieler Größen aus Kunst, Kultur und Politik verwahrt.
Wenn Jens André Pfeiffer, der Leiter der Handschriftenabteilung, einen ins „Allerheiligste” vorlässt, kann einem schon etwas feierlich zumute werden: Im weitläufigen, akkurat klimatisierten Tresorraum lagern etliche Schätze der Geistesgeschichte. Forscher aus allen Weltgegenden verbringen hier zuweilen mehrere Wochen, um Handschriften buchstäblich mit der Lupe zu untersuchen.
Heinrich Zilles Entschuldigung für „Raudaubetragen”
Jede Schrift hat ihre spezielle Aura. Archivar Pfeiffer sagt, dass es längst nicht immer um Hochgeistiges geht, sondern um Alltag: „In vielen Briefen menschelt es sehr.” Kurzum: In diesem Paradies für Graphologen glaubt man häufig, den Schreibenden gleichsam über die Schulter zu schauen. Da beschleicht einen auch schon mal das Gefühl, ein klein wenig indiskret zu sein.
Beispiel: Der „Milljöh”-Zeichner Heinrich Zille dürfte kaum geahnt haben, dass seine zerknirschte briefliche Entschuldigung für ein bierseliges „Radaubetragen” in unbefugte Hände Nachgeborener geraten könnte. Recht privat muten auch Goethes Wein-Bestellungen und seine Klagen über Gallenbeschwerden an. Und an einen Tierpräparator, der für Goethe eine Schnepfe aufbereiten sollte, schreibt der Geheimrat, er erwarte jedes Knöchelchen des Vogels zurück. Klingt nach Ärger, falls denn doch etwas gefehlt haben sollte.
Es menschelt sehr
Karl Marx, der des öfteren an den Dichter Ferdinand Freiligrath geschrieben hat, meldet dringenden Geldbedarf an und lamentiert wieder einmal über seine Furunkel. Und Hermann Hesse hat einen Brief geradezu kindlich kunterbunt illustriert. Zeichen eines sonnigen Gemüts?
Wie kamen all diese Dinge nach Dortmund? Nun, in den Gründerjahren der 1908 eröffneten Bibliothek waren so genannte Autographen noch vergleichsweise preiswert zu haben. Zudem spendeten Stahlbarone und andere betuchte Bürger Geld für den Erwerb kostbarer Manuskripte und Drucke. Der damalige Bibliotheksdirektor Erich Schulz hatte ein Faible für Handschriften und konnte den Grundstock für die Sammlung legen, die dann stetig ausgebaut wurde und heute zigtausende von Katalognummern enthält.
Was man in Dortmund nicht unbedingt erwartet: Auch ein unvergleichlich gut erhaltenes Exemplar vom Text des Deutschlandliedes findet sich hier. Die sorgsame Reinschrift, die August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 angefertigt hat, wird nicht verliehen – zu wertvoll, zu empfindlich ist das Kleinod.
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