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Die Welt, wie Polaroid sie sah

31.05.2012 | 18:49 Uhr
Die Welt, wie Polaroid sie sah
Paul Huf Untitled 1977, Polaroid Type 808 8 × 10” © Paul Huf/ VBK Wien, 2011

Düsseldorf.   Vier Jahrzehnte Sofortbild mit grandioser Foto-Kunst in Farbe und Schwarzweiß, im klassischen Kleinquadrat, aber auch in DIN-A-2-Format: Das NRW-Forum Düsseldorf präsentiert eine fast untergegangene Kulturtechnik. Und ein kleines Comeback...

Polaroids? Waren das nicht diese kleinen quadratischen Fotos, gemacht für ein Augenblicksvergnügen und nur deshalb spannend, weil man ihnen beim Werden zugucken konnte? Grundfalsch! In den Profi-Studios dieser Welt entstanden auch riesige, etwa 50 mal 70 Zentimeter große Polaroids. Es gab raffinierteste Schwarz-Weiß-Polaroids, es gab ausgeklügelte Kunst- und Dokumentar-Fotografie auf Polaroid. Polaroid war eine eigene Galaxis der Fotografie, und wie so oft bei Kulturtechniken lernt man auch sie erst in jenem Moment so richtig schätzen, da sie schon fast verglüht ist. Fast.

Der Siegeszug der Digitalkameras und ihrer Displays schien das Ende des alten „Sofortbilds“ zu besiegeln: Digital ist eben noch soforter. Als die Firma Polaroid dann 2008 die Pleite anmeldete, endete eine Epoche von vier Jahrzehnten. Kurz vor Weihnachten 1948 war die erste Polaroid-Kamera über den Ladentisch gegangen. Ihr Erfinder Edwin Land entwickelte immer neue Techniken, neue Formate. Dabei hatte er von Anfang an Kamerakünstler wie den großen Ansel Adams an seiner Seite. Sie probierten jede neue Technik aus, sie assistierten dem Tüftler Dr. Land bei der Polaroid-Perfektionierung. Er gab ihnen Filme und Kameras, auch die 1977 erfundene 20 x 24-Zoll-Polaroid, eine über 100 Kilo schwere Studiokamera aus Holz, die Bilder in Plakatgröße herstellt und von der noch heute weltweit sieben Stück existieren, fünf davon sind noch in Betrieb.

Verruchte Körper

Als „Leihgebühr“ bat sich Edwin Land jeweils einen Abzug vom Fotografen aus. So entstand im Laufe der Jahrzehnte die legendäre „Polaroid-Collection“, in die vor Hochkarätern wie Helmut Newton, Olivero Toscani, Robert Mapplethorpe und Andy Warhol nur so strotzt. Die in den USA gelagerte Hälfte dieser 16 000 Bilder umfassenden Sammlung kam mit der Polaroid-Insolvenzmasse bei Sotheby’s unter den Hammer – und wurde in alle Welt zerstreut. Den kleineren, europäischen Teil der Sammlung sicherte sich das Wiener WestLicht-Museum.

Zur Ausstellung

„Die Polaroid Collection“, NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, bis 5. August. Katalog: 39,80 €. Di-So 11-20 Uhr, Fr bis 24 Uhr. Eintritt: 5,80 €, erm. 3,80 €.

Die Ausstellung ist aus konservatorischen Gründen abgedunkelt und gekühlt. Polaroid-Kameras (99 €) und Filme (für 8 Bilder 20 €) im Museumsshop.

Aus dessen Beständen gibt nun das Düsseldorfer NRW-Forum einen staunenswerten, atemstillstandsfördernden Einblick in die Welt, wie Polaroid sie sah. Weit über 400 Bilder: Verruchte Körper oder der graue Alltag von Schulklassen, blattgoldüberglänzte Kunst oder ganz normale, aber eben nicht banale Leute auf den Straßen von New York. Grandiose Landschaftsbilder von der Insel Pellworm mit Blaustich hier, Bildexperimente mit Bauhaus-Farben oder in Mondrian-Manier dort. William Wegmans Weimaraner räkelt sich als XXL-Popstar auf dem Sofa, und Gottfried Helnweins brutale Inszenierungen mit verwundbarer Haut sind nicht nur böse, sie tun weh.

Die typischen Polaroid-Farben sind wie gemacht für surreale, barocke, manchmal auch leicht schwülstige, ja wimmelnde Inszenierungen mit viel Brokat und Grenzgängerei. Aber auch die technische Stärke der großen Polaroid-Formate wird in Düsseldorf sichtbar: Sie haben keine Körnung, sie sind absolut scharf.

Und die Geschichte von Polaroid ist doch noch nicht zu Ende, man feiert gerade ein Comeback. Vielleicht, weil das digitale Sofortbild in Zeiten von allmächtiger Bildbearbeitung immer weniger echt wirkt, immer weniger wie ein stillgestellter Augenblick. Beim Polaroid aber wird er beglaubigt dadurch, dass man der Zeit beim Gerinnen zusehen kann. Inzwischen gibt es wieder Polaroid-Kameras zu kaufen (analoge wie digitale), und die Firma „Impossible“ hat das Polaroid-Werk im holländischen Enschede aufgekauft. Dort produzieren die alten Beschäftigten heute wieder Farb- und Schwarzweiß-Filme – für die Fast-Sofortbelichtung.

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Jens Dirksen

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