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Tanztheater

Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch

01.07.2009 | 07:54 Uhr

Wuppertal. Pina Bausch, die Begründerin des berühmten Wuppertaler Tanztheaters, ist kurz vor ihrem 69. Geburtstag gestorben. Der Schock über den Verlust der großen Künstlerin und Choreographin stellt sich erst langsam ein. Eine Frau die in ihrer Kunst und mit ihrer Compagnie lebte.

Pina Bausch als Tanzschülerin 1959 im Alter von 19 Jahren Fotograf unbekannt Archiv NRZ Essen Repro von 1997

Pina Bausch ist tot. Es ist unfassbar, am vorletzten Sonntag stand sie noch im Wuppertaler Opernhaus auf der Bühne, und sah auf stille Weise glücklich aus. Es war die letzte Aufführung ihres neuen Stücks in der Uraufführungsserie, sie hatte den Arm um Dominique Mercy gelegt, den ältesten und treuesten ihrer Tänzer; sie alle legten einander die Arme um die Schultern und gingen langsam nach vorn, an den Bühnenrand, hinein in den Applaus, der nicht enden wollte wie immer. Und Pina Bausch lächelte, wie immer.

Wir werden das nie mehr erleben, und der Schock über diesen Verlust stellt sich erst langsam ein. Nie mehr diese unerhörten, sinnlichen, tief reflektierenden Choreografien, nie mehr neues Nachdenken dieser Künstlerin über die Welt, über das Verhältnis der Menschen zueinander. Über Männer und Frauen. Pina Bausch erzählte von Schrecken, Sehnsucht und Glück, von Gewalt in Sanftheit, von Alltag. Von Liebe; aber öfter davon, wie sich Liebe wandelt zu Gewohnheit und bösem Spiel. In großen Szenen ließ sie die Compagnie das Verhalten der Menschen parodieren, oder Rituale feiern; in starken Soli zeigten die Tänzer Hingabe, Verzweiflung, Auflösung. Vielleicht ist das schönste ihrer Stücke das „Frühlingsopfer” zur Musik von Igor Strawinsky – aber das ist ungerecht und letztlich kleinlich; unmöglich, so auszuwählen. Pina Bausch war Pina Bausch: ergreifend, witzig, glücklich machend. Eine kühne, klarsichtige, romantische Künstlerin, die es schwer hatte; später wurde sie mit Preisen überschüttet. Sie dankte jedesmal im Namen des Tanzes. So war sie. Still hinter ihrer Kunst.

Kampf gegen Kleinheit und Trägheit

Pina Bausch und Wuppertal, das war lange ein Kampf gegen Kleinheit und geistige Trägheit. Als alles anfing, vor mehr als 30 Jahren, schlugen die Bürger mit den Türen und verließen zornrot die Oper. Diese Kunst verletzte sie. Sie war ihnen wohl zu direkt, zu nah am Leben. Zu kritisch. In Wuppertal und in aller Welt ist das längst Vergangenheit, die Compagnie wird geliebt wie wenige. Doch als wäre die Zeit stehen geblieben, konnte man vor vier Jahren bei den Salzburger Festspielen erleben, wie verstörte Gäste in Scharen die Felsenreitschule verließen. Bei einem Stück, das den Titel „Nelken” trägt, hatten sie wohl etwas Inniges erwartet, träumerische Szenen, Keinen schonungslosen Blick auf Beziehungen.

Pina Bausch wurde am 27. Juli 1940 in Solingen geboren. Ihre Eltern waren dort Gastwirte, im WAZ-Interview erzählte sie einmal, wie sie als Kind am liebsten still unter den Tischen dieser Wirtschaft saß und spielte. Den Namen Pina hat sie sich damals selbst gegeben, im Taufschein steht: Philippina.

"Die sieben Todsünden"

Pina Bausch Tanztheater.

Wie sie wurde, was sie war – es erzählt sich dürr. Ballett-Untericht und Kinderstücke, mit 14 zur Essener Folkwangschule; da lernte sie Kurt Jooss kennen, den großen Erneuerer des Tanzes. Sie ging nach New York und kehrte zurück, als Jooss sie rief; war Solistin in seinem Folkwang-Ballett und übernahm dann selbst die Leitung, später auch die der Tanzabteilung der Folkwang Hochschule. Da war sie noch weit von ihrem eigenen Stil entfernt, tanzte, choreografierte, unterrichtete Modern Dance.

Dann der wahre Anfang: als Leiterin des Wuppertaler Balletts, das sie zum Tanztheater Wuppertal machte. „Die sieben Todsünden” nach Brecht-Weill waren 1976 eine Innovation. Wuppertal durfte erleben, wie das moderne Tanztheater geschaffen wurde. Es geht heute viele Wege, auch andere als Pina Bausch. Doch sie hat allen die Tür geöffnet.

Auf ihrem eigenen Weg ließ sie sich seit Jahren auf Reisen inspirieren, mit ihren Tänzern besuchte sie Brasilien, Japan, Indien; von überall brachte sie Reminiszenzen an ihre Gastgeber mit und verschmolz sie mit den bekannten Gesten und Bewegungen.

Variation der Bilder

Mancher Kritiker hat deshalb geklagt, sie mache immer dasselbe. Das ist wahr, van Gogh malte auch immer dasselbe. Pina Bausch variierte ihre Bilder, aber sie blieb bei ihnen. Für ihr letztes Stück, das wie immer noch keinen Titel trägt, hatte sie Chile besucht; und der Abend ist politischer als alle früheren. Er spricht von einer anderen als alltäglicher Gewalt: von Folter; und das letzte Bild ist eine wunderbare Zurücknahme des Leids. Die Frau, die eingangs schreiend weggeschleppt wird, kehrt zurück unversehrt.

Was man über Pina Bausch über ihre Kunst hinaus wissen darf: Sie lebte mit dem Bühnenbildner Rolf Borzik zusammen, der ihre Arbeit kongenial begleitete; er starb 1980 an Leukämie. Pina Bausch hat darüber in der Öffentlichkeit geschwiegen. Auch darüber, dass sie später mit dem chilenischen Dichter Ronald Kay einen Sohn bekam, sie nannten ihn Rolf-Salomon.

Viel mehr weiß man nicht, und es ist gut so. Sie lebte in ihrer Kunst, mit ihrer Compagnie. Und lebt darin weiter.

Gudrun Norbisrath


Kommentare
02.09.2009
10:06
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von koepi | #25

Dass die Kritiker jünger werden heisst nicht, dass sie nicht mehr senil sind.

Es gibt Menschen, die schon als Greise zur Welt kommen.

Pina, du kannst leider nicht jede Generation inspirieren, aber mich hast du!

Applaus

01.07.2009
22:34
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von JessicaII | #24

Rauchen kann tödlich sein - steht da. Und hier steht nichts von Lungenkrebs. Ich verstehe gar nicht, wie sich diese Bildungslücken zu so einem Artikel verirren können. Ich bin für ein Stoppschild, wenn Ausversehen eine Seite aufgerufen wird, die den Horizont des Users überschreitet.

01.07.2009
22:25
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von Jan | #23

Verstehe das ganze Geseiere hier nicht ! Die Frau hätte doch auf der Zigarettenpackung die Hinweise lesen müssen: Rauchen ist tötlich !
So sieht man sie im Abgesang der Aktuellen Stunde süchtig an der Kippe nuckeln, da weiss man, woher ihr Krebs kommt. Sie scheint die Sucht für wichtiger gehalten zu haben, als den Impetus, leben zu wollen.

01.07.2009
19:14
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von St.Paulisch | #22

Eine wunderbare Frau ! Ein trauriger Tag !

01.07.2009
17:37
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #21

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

01.07.2009
16:53
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von SoftSkills | #20

Heinz, das peu à peu schwindende Niveau in Ihren Beiträgen hat auch schon fast etwas von einem Kunstwerk. Vielleicht hätte die Pina Bausch das mal tänzerisch zugänglich machen sollen. :-)

01.07.2009
16:29
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von Samia | #19

Pina Bausch, so wundervoll das Werk, so unbeschreiblich traurig der Verlust!

01.07.2009
15:49
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von Heinz keller | #18

w.holl
So schönen Feierabend! Sie schreiben wirklich so ein Quatsch. Das ist unglaublich. Es gibt doch so gute Therapeuten! Schauen Sie doch mal auf Google!
Sorry, Sie haben wirklich keine Ahnung wie kann mann so einen Vergleich herstellen. Hoffentlich sind Sie ein Einzelfall! Ansonsten Gute Nacht Deutschland!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

01.07.2009
15:36
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von w.holl | #17

Berichtigung:
Meinun sollte als Meinung gelesen werden

01.07.2009
15:32
Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch
von w.holl | #16

Heinz Keller
Verzeihen sie bitte , dass ich an ihren Kunstsachverstand gezweifelt habe. Natürlich bestimmen sie was Kunst ist. Und natürlich schaue ich mir die von ihnen aufgelisteten Sendung an. Und natürlich haben sie immer recht.
Ganz kleine Leute
PS.
Wir hatten doch schon einmal einen Mann, der vorgab ein Künstler zu sein. Und auch bei ihm gab es nur eine Meinun über Kunst.. Österreicher war er auch.

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