Die Verlogenheit der Mörder

Warstein..  Als Krankenschwester Pauline Kneißler an einem brütendheißen Augustabend den Tod in die beiden Spritzen füllt, ist Ernst Lossa noch keine fünfzehn Jahre alt. Ein aufgewecktes Bürschchen. Immer ein wenig zu keck, immer ein wenig zu forsch, und manchmal bewegt er sich auch am Rande der Legalität. Das aber ist nicht der Grund, weshalb Ernst Lossa an diesem 8. August 1944 mit einer Überdosis Morphium ermordet wird.

Sein Todesurteil wird gefällt, weil er schwierig und unangepasst ist - und weil er ein „Zigeuner“ ist. Einer, der nicht reinpassen will in die krude und menschenverachtende Rassenideologie der Nationalsozialisten. Ernst Lossa ist einer von 200 000 psychisch kranken Menschen, deren Leben in der Zeit von 1939 bis 1945 für „lebensunwert“ erklärt wird. Unter dem Titel „Nebel im August“ hat der Journalist Robert Domes die wahre Lebensgeschichte des Ernst Lossa aufgeschrieben. Zurzeit wird das Buch in Warstein verfilmt.

Ein Projekt mit Herzblut

Für Drehbuchautor Ulrich Limmer ist dieses Projekt eine „echte Herzensangelegenheit“: „Da steckt unheimlich viel Herzblut drin.“ Limmer ist ein erfahrener Produzent. Für den Film „Schtonk!“, den er gemeinsam mit Kult-Regisseur Helmut Dietl realisiert hat, war er 1992 für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Filme wie „Rennschwein Rudi Rüssel“ oder „Das Sams“, zu denen er die Drehbücher geschrieben und sie produziert hat, haben die Kinokassen klingeln lassen.

Mit der Verfilmung von „Nebel im August“ hat sich der Bundesfilmpreisträger nun „ein schwieriges Thema für einen schwierigen Film“ ausgesucht. „Aber“, erklärt er, „es ist ein Thema, über das man bisher viel zu wenig weiß, weil es stark tabuisiert war. Mit so einem Stoff riskiert man natürlich, dass man bestimmte Zuschauerschichten nicht erreichen kann. Ich glaube aber einfach, dass sich viele Menschen dieser bewegenden Geschichte von Ernst Lossa nicht werden entziehen können.“

Seit dem 6. Mai wird am Kloster in Mülheim - einem Ortsteil von Warstein mit 850 Einwohnern - gedreht. Auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude, in dem man Räume nachbilden kann, die denen der Nervenheilanstalten in den 40er Jahren ähnlich sind, hat man halb Europa bereist. Limmer: „Es gibt solche Anstalten einfach nicht mehr. Die sind inzwischen alle umgebaut worden.“

Wochenlang haben Dutzende von heimischen Handwerkern in dem historischen Gebäude, das aus dem 17. Jahrhundert stammt, gewerkelt, um eine authentische Filmkulisse zu schaffen.

Historische Gebäude

Bis Juni wird im Kloster Mülheim gedreht. Danach wechselt der Filmtross auf das Gelände der LWL-Klinik nach Warstein, wo in einem ebenfalls historischen Gebäude weitere Szenen gedreht werden. Schließlich geht es noch nach Bayern und Österreich. Dort finden die Außenaufnahmen statt. Limmer: „Am 10. Juli ist Drehschluss. Anfang 2015 soll ,Nebel im August’ dann in die Kinos kommen.“

Bis zur Realisierung des engagierten Projektes war es ein langer und steiniger Weg. „Das“, so Limmer, „hat fast acht Jahre gedauert.“ Vor allem die Finanzierung war „ein hartes Stück Arbeit“ (Limmer). Mit einem Betrag von 800 000 Euro gehört die Filmstiftung NRW zu den größten Unterstützern. Auch deshalb werden umfangreiche Teile in Nordrhein-Westfalen gedreht.

Mit Kai Wessel konnte Limmer einen namhaften Regisseur verpflichten. Seine Verfilmung „Die Flucht“ (Hauptrolle Maria Furtwängler) hat 2007 ein Millionenpublikum im Fernsehen erreicht. Für Wessel ist der Film „ein schwieriger Spagat, ein auf den ersten Blick sperriges Thema so zu erzählen, dass es verkraftbar ist.“

Gleichzeitig hat „Nebel im ­August“ den Anspruch über die wohl dunkelste Stunde in der deutschen Psychiatriegeschichte ­aufzuklären. Wessel: „Wir wollen aber auch die Frage stellen: Was können wir aus dieser Geschichte lernen?“

Robert Domes, der Autor des Buches, hat auf diese Frage seine Antwort gefunden: „Der Fall Ernst Lossa enttarnt die Verlogenheit der Mörder. Er steht exemplarisch für den perversen Rassen- und Auslese-Wahn im Hitler-Staat.“