„Die Unverheiratete“ in Mülheim - Leben, geprägt von Schuld

Sylvie Rohrer, Petra Morzé, Sabine Haupt und Alexandra Henkel in der „Unverheirateten“.
Sylvie Rohrer, Petra Morzé, Sabine Haupt und Alexandra Henkel in der „Unverheirateten“.
Foto: Georg Soulek
Was wir bereits wissen
Ewald Palmetshofers „Die Unverheiratete“ erhielt bei den Mülheimer „Stücken“ den Dramatikerpreis als bestes Drama. Die Jury diskutierte zwei Stunden.

Mülheim.. Was ist Wahrheit? Ist ihr Licht grell wie die Neonröhren, die die Bühne umlaufen, oder eher heimelig wie die Stehlampe über dem Sessel, oder überraschend wie das Aufblenden der Saalbeleuchtung? Ewald Palmetshofers Drama „Die Unverheiratete“ begibt sich ins Dunkel der Vergangenheit, gibt drei Frauen eine kunstvoll-künstliche Stimme, deren Leben von – begangener oder geerbter – Schuld geprägt ist. Dafür bekam Palmetshofer, 1978 in Österreich geboren, jetzt den mit 15.000 Euro dotierten Dramatikerpreis der Mülheimer Theatertage 2015 zugesprochen.

Die Oma beichtet der Enkelin Theatertage

Das Wiener Akademietheater beendete mit „Die Unverheiratete“ den Reigen der sieben nominierten Stücke, den es mit Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ begonnen hatte – beide Abende übrigens rein weiblich besetzt. Palmetshofers Generationendrama nimmt seinen Anfang in den letzten Tagen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als eine junge Frau in der österreichischen Provinz einen Soldaten anzeigte: Er wolle desertieren. Der Soldat wurde erhängt. Und die junge Frau kurz darauf ins Zuchthaus geschickt. Aus diesem realen Fall entwickelt das von Robert Borgmanns auf die Bühne gebrachte Drama eine in Rückblenden und Schlaglichtern erzählte Familiengeschichte als eine Art Vererbungslehre der Schuld. Die Vielzahl der Perspektiven aber lässt keine einfachen Kausalzusammenhänge zu.

Die junge Frau berichtet erst als Großmutter (Elisabeth Orth) zwar nicht ihrer Tochter (Christiane von Poelnitz), aber doch ihrer Enkelin (Stefanie Reinsperger) von der Tat – schriftlich, im Notizbüchlein. Die Antworten aber, die sich die Enkelin erhofft, findet sie dort nicht. Warum? Weshalb? Typisch vielleicht, dass erst die Enkel Fragen stellen; weniger typisch diese von Stefanie Reinsperger so schamlos in aller Zerrissenheit ausgestellte Frauenfigur, die ihre schlafenden Liebhaber heimlich mit dem Handy fotografiert (eine Idee dieser Fotos zeigt das Programmheft). Am Ende sind die erdigen Grabhügel, die fein säuberlich auf der Bühne aufgeschüttet waren, zu Matsch zertreten. Der Wahrheit sind wir keinen Schritt nähergekommen, klar aber wurde, dass jede Tat Spuren hinterlässt auch in den Leben der Nachgeborenen: „Wer A sagt, muss auch B / der muss auch B muss der so war das immer schon.“

Entscheidung fiel mit drei zu zwei Stimmen

Palmetshofers ganz eigener Sprachstil hatten es der Jury letztlich angetan, die Entscheidung fiel nach langem Für und Wider mit drei zu zwei Stimmen. Fast zwei Stunden lang diskutierten die Theaterkritikerinnen Karin Fischer und Dagmar Walser, die Schauspielerin Bettina Stucky, der Bremer Intendant Michael Börgerding und der Dresdener Dramaturg Robert Koall in der Mülheimer Stadthalle, rund 6000 Zuschauer verfolgten die Jurydebatte im Live-Stream. In die Endrunde der Diskussion schafften es neben Wolfram Lotz auch Elfriede Jelinek („Die Schutzbefohlenen“) sowie Yael Ronen und das Ensemble des Maxim Gorki Theaters, deren „Common Ground“ den Publikumspreis erhielt.