Die Schau stehlen

Der Kulturfreund kann etwas erleben, wenn er seiner Leidenschaft für Klassik oder Oper frönt. An dieser Stelle haben wir ja bereits häufiger davon erzählt, wie das Publikum knutschend, Bonbons auswickelnd, flüsternd und aus Flachmännern oder Wasserflaschen trinkend den Künstlern die Schau stiehlt. Solche Berichte bleiben nicht ohne Resonanz. So hat uns das Ehepaar K. aus H. eine schöne Anekdote verraten, die wir gerne weitergeben wollen.

Sinfoniekonzert in einer kleinen Großstadt am Rande des Sauerlandes. Auch eine Gruppe mit Begleitperson hat den Weg in den Saal gefunden. Während der Dirigent hingebungsvoll mit dem Taktstock in der Luft rührt, kommentiert ein Herr den Spielstand: „Was soll das eigentlich?“, ruft er ins Parkett. „Wir sind im Konzert“, flüstert die Begleitperson. „Und was tun wir hier?“, schallt es zurück. „Wir hören eine Sinfonie von Schubert.“ Die Antwort kommt prompt: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mein Hörgerät eingeschaltet.“

Schicksalsgemeinschaft

Als Publikum bildet man naturgemäß eine Schicksalsgemeinschaft, die sich gerade mal so kultiviert verhält wie das schwächste Glied der Kette. Nichts bleibt denen verborgen, die neben, vor oder hinter einem Mit-Kulturfreund sitzen. Dieses Erlebnis wird zunehmend von Zwangshandlungen diktiert. Denn nicht die Zwischenrufer treiben einen in den Wahnsinn, sondern die neuen Mobiltelefone. Handys älterer Bauart sorgten früher für ein paar Aufreger, wenn der Besitzer vergessen hatte, sein Gerät auszuschalten und der Klingelton „Mexican Hat“ mit der Freischütz-Ouvertüre konkurrierte.

Wie eine Sucht

Heute schaltet kein Mensch mehr sein Smartphone aus. Und nur wenige ertragen es, nicht alle paar Minuten verstohlen aufs Display zu schielen, ob neue Nachrichten eingetroffen sind. Der Effekt ist mindestens so ansteckend wie Husten. Leuchtet irgendwo ein Bedienfeld auf, greifen gleich drei andere Operngänger zu ihrem eigenen Mobilteil. Das ständige Aufblinken nervt nicht nur, es macht Angst. Denn es ist schlimmer als eine Sucht. Die Raucher halten wenigstens eine Mozart-Halbzeit ohne Kippe aus.

Mein Handy befindet sich übrigens selten mit mir an einem Ort. Entweder vergesse ich es im Auto oder der Akku ist wieder mal leer. Mit einer peinlichen Ausnahme. Die Sache neulich mit dem mobilen Walkürenritt mitten in der Vorstellung, die tut mir Leid.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE