Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Musiktheater

Die Rache in der Rotation

23.09.2012 | 16:22 Uhr
Die Rache in der Rotation
"Elektra"; Richard Strauss Deutsche Oper am Rhein - Düsseldorf/Duisburg Inszenierung Christof Nel Premiere am 22.09.2012 in Düsseldorf.Foto: Matthias Jung Fotografie

Düsseldorf.  Die Neuinszenierung von Richard Strauss’ düsterer Antikenoper „Elektra“ geriet am Samstag an der Düsseldorfer Rheinoper zum Triumph für Sänger und Orchester. Die Co-Produktion mit der Oper Genf ist trotz szenischer Schwächen hochklassig.

Um die Dinge mal ein bisschen geradezurücken: Es sind ja nicht nur neue Handys, die Menschen in Begeisterung versetzen. Es gibt auch noch Opernhäuser – ausverkauft natürlich. Und selbst bei harter Kost hört man dort frenetischen Jubel. Etwa Samstag in Düsseldorfs Rheinoper.

„Elektra“: eindreiviertel Stunden Musik an der Schmerzgrenze, betäubend schön, klangmagisch brutal zugleich. Als Thrillersoundtracks noch in der Wiege lagen, schrieb Richard Strauss diese Gänsehaut-Oper. Er schuf an der Seite Hofmannsthals einen neuen Blick auf die Antike, in der auch Psychoanalyse zu Musik wurde. 100 Jahre später hat das nichts eingebüßt an Suggestion und Kraft. So, wie die Hundertschaft der Düsseldorfer Symphoniker (Leitung: Axel Kober) sich in den Rachen dieser mörderischen Partitur stürzt, elektrisiert diese „Elektra“ vom ersten Takt. Was für eine meisterliche Gratwanderung, in der Echos von Wagners „Götterdämmerung“ so plastisch Raum haben wie das sinnliche Aufbegehren gegen traditionelle Tonalität.

Totenhaus der Entrechteten

Der Wucht setzt die Inszenierung nicht wenig entgegen. Roland Aeschlimanns Bühnenbild lässt uns in ein Totenhaus der Entrechteten blicken. Kantig und fensterreich ist der grauschwarze Palast zwar – und doch lässt die dauernd kreisende Festung mit ihren Rissen früh an einen gespaltenen Schädel denken. Dieses Skelett einer Residenz ist längst angreifbar geworden. Die Rache lauert vor der Rotation: Elektra (Linda Watson) quält sich am Bühnenrand. Von ihrer nicht enden wollenden Sühnesehnsucht erzählten schon Homer und Sophokles.

Richter mit Blut an den Händen

Der Liebhaber ihrer Mutter Klytämnestra erschlug Elektras Vater. Es wird schlimm enden für ihn und seine Frau. Einen gerechten Gott sieht man nicht. Elektra und ihr Bruder Orest werden selbst zu Richtern über alles Übel.

Mit starken, archaischen Tableaus bannt Christof Nels Regie das Auge. Effektvoll, ohne feste Bindung an Ort und Zeit, erzählt er von Seelenqualen, speist mit eingefrorenen Alptraumsequenzen Strauss’ suggestive Musik. Bedauerlich aber, dass Nel den Einzelszenen wenig Personenführung angedeihen lässt. Mehr als einmal (etwa in der Wiederbegegnung Elektras und Orests) kommen großartige Sänger über ein altbackenes Gestenrepertoire kaum hinaus.

Hochklassige Produktion

Über solche Defizite trösten vokale Leistungen hinweg. Linda Watson findet auch als Hochdramatische zu berührenden Piano-Momenten. Geradezu sensationell: Renée Morlocs Klytämnestra, ein furchteinflößendes Muttermonster, hässlichschön nuancenreich. Fast belcantisch gibt Hans-Peter König einen enorm präsenten Orest. Ein fesselndes Psychogramm zeichnet Morenike Fadayomi als Elektras Schwester Chrysothemis. Die Rheinoper feiert – und hat allen Grund dazu – eine hochklassige Produktion.

  • Termine: 25., 28., 30.9; 7.10. Tel. 0221- 89 25 211

Lars von der Gönna



Kommentare
Aus dem Ressort
„I AM“ erzählt vom Ersten Weltkrieg auf den Fiji-Inseln
Ruhrtriennale
Ein Requiem der besonderen Art. Wie weit der Erste Weltkrieg nach Menschenleben griff und Existenzen vernichtete, erzählt eine Tanz-Produktion der Ruhr Triennale. 100 Jahre nach 1914 beschreibt „I AM“, wie die Vernichtung selbst kleine Inselvölker auf der anderen Seite der Erde erreichte.
Lieberberg darf sein Festival doch "Rock am Ring" nennen
Rock-Festival
Erfolg für Konzertveranstalter Marek Lieberberg: Der "Rock am Ring"-Macher darf sein Festival auch nach dem Weggang vom Nürburgring weiter so nennen. Das hat das Oberlandesgericht Koblenz am Freitag entschieden. Wo das Festival im kommenden Jahr stattfindet, steht noch nicht endgültig fest.
"Bang Boom Bang" - der Ruhrpott-Kultfilm feiert Geburtstag
Kultfilm
15 Jahre ist es her, das die Ruhrgebietskomödie „Bang Boom Bang“ auf den Kinoleinwänden gezeigt wurde. Als Kleinganove „Schlucke“ ist Martin Semmelrogge bei vielen Fans unvergessen. An die Dreharbeiten erinnert sich der Schauspieler, als ob es gestern gewesen wäre.
Nach Kunstverbot - "Museumsbesuch mit Risiko" in Bochum
Kunst
Duisburg sagte auf Geheiß des Oberbürgermeisters im letzten Augenblick ab – nun hat Gregor Schneider für die Ruhrtriennale statt „totlast“ in Duisburg enge Gänge im Museum Bochum installiert. Dort wartet neben „Kunstmuseum“ auch eine sehenswerte Ausstellung der Privatsammlung Hense.
"Doktorspiele" – Eine Teenie-Klamotte mit viel Testosteron
Teenie-Komödie
Die Teenie-Komödie "Doktorspiele" erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte wie man sie oft gesehen hat im deutschen Kino. "Mädchen Mädchen" und "Harte Jungs", dürften diesem Film von Regisseur Marco Petry ebenso Pate gestanden haben wie die berüchtigte "American Pie"-Reihe aus den USA.
Umfrage
Die Städte in NRW fordern viele Millionen von Bund und Land, um marode Straßen zu reparieren . Wie zufrieden sind Sie mit dem Zustand der Straßen?