„Die letzten Gigolos“ haben ausgetanzt

Szene aus "Die letzten Gigolos", einem Dokumentarfilm über Eintänzer.
Szene aus "Die letzten Gigolos", einem Dokumentarfilm über Eintänzer.
Foto: Fremdbild
Stephan Bergmann hat einen großartigen Dokumentationsfilm über die letzten Eintänzer gedreht – einen Berufsstand, der etwas aus der Mode gekommen ist.

Essen.. Dokumentarfilme können echte Kinogröße entfalten, wenn der Filmemacher nicht nur das Thema im Blick hält, sondern auch für eine angemessene filmische Umsetzung sorgt. Genau dieses Kunststück gelingt dem Österreicher Stephan Bergmann mit einem denkwürdig gut gelungenen Film, der dieses Wochenende im Kino startet: „Die letzten Gigolos“.

Gigolo, Gentleman Host, Eintänzer – der gesamte Berufsstand ist etwas aus der Mode gekommen. Denn Damen aufreißen und ihnen ein paar schöne Stunden bescheren, das ist ja nur eine Facette dieses schillernden Jobs. Der professionelle Eintänzer alter Schule weiß nämlich auch um die farbliche Wirkung seiner Krawatte im Zusammenspiel mit Anzug, Hemd, Taschentuch und Schuhen. Er weiß um den richtigen Moment, eine Dame stilsicher zum Tanz aufzufordern, und auch um die passenden Worte dazu. Er ist ein charmanter Plauderer, der sich nicht aufdrängt – und nie nutzt er seine Position zu Unzüchtigem aus.

Stephan Bergmann benötigt keine zehn Minuten, um seine Parkett-Helden Peter Nemela und Heinz Löffelbein (beide über 70, was man ihnen wahrlich nicht ansieht) in ihrem beruflichen Umfeld auf der MS Deutschland während einer Kreuzfahrt an den Kanaren und den Kapverden entlang nach Gambia so vorzustellen, dass Dokumentarisches und Erzählung miteinander verschmelzen. Reisen auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge sind Luxuserlebnisse für eine zahlungskräftige Klientel. Die Damen, die sich in der Lido-Bar zu Tanz und geziertem Flirt einfinden, verfügen über gut gefüllte Geldbörsen, aber auch über genügend Stilempfinden, um sich zu keiner Zeit unter Wert zu verkaufen.

Dezent – und stets auf der Höhe

Das größte Kabinettstück der Regie ist mehr als das: Wenn sich die Damen untereinander und mit den Herren ganz frei und unbekümmert unterhalten, als wäre gar keine Kamera dabei. Bergmann hält sie dezent im Hintergrund und ist doch stets auf einer geeigneten Höhe, um Perspektiven zu schaffen, die eine Situation in erhellender Klarheit hervortreten lassen. Mal verstärkt er mit Hilfe der Zeitlupe die Dramatik, mal verzichtet er auf Worte und vertraut ganz der Wirkung des Augenblicks, während eines Tangos etwa, wenn plötzlich erotische Funken schlagen. Und immer weiß er das Breitbildformat im Dienste einer leinwandfüllenden Erzählweise zu nutzen.

Es ist ein feiner Film geworden, dessen wehmütiger Titel die Wirklichkeit auch noch ahnungsvoll vorwegnahm. Ende 2014 musste das Unternehmen MS Deutschland Insolvenz anmelden.

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