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Die Kunst am Bau ist in die Jahre gekommen - Geld fehlt

24.02.2013 | 17:58 Uhr
Die Kunst am Bau ist in die Jahre gekommen - Geld fehlt
Kunst am Bau: Kletterer arbeiten an der Aufstellung der Skulptur „Herkules“ auf dem Förderturm der früheren Zeche „Nordstern“ in Gelsenkirchen.Foto: Sascha Schuermann

Essen.  Früher galt die Devise, dass ein Prozent der Baukosten von öffentlichen Gebäuden in Kunst investiert werden sollen. Von dieser Regelung aber ist vor allem Nordrhein-Westfalen inzwischen weit entfernt. Hier stehen jährlich derzeit nur noch 400.000 Euro zur Verfügung.

Man trifft sie meist vor Ministerien, an Verwaltungskomplexen oder großen Versicherungsbauten. In Gelsenkirchen steht sie in Gestalt eines „Herkules“ sogar auf dem Dach eines ehemaligen Förderturms, in Recklinghausen breitet sie sich als Gewaltspirale vor dem Polizeipräsidium aus. Manchmal ist sie erhaben blau wie die Großreliefs im Gelsenkirchener Musiktheater, manchmal symbolisch wie die verschränkten Arme von Eduardo Chillidas Stahlskulptur „Berlin“ vor dem Bundeskanzleramt, die würdige Nachfolgerin von Henry Moores „Two Large Forms“ in Bonn.

Treuer Begleiter der Geschichte

Die Rede ist von „Kunst am Bau“, einer scheinbar etwas in die Jahre gekommenen Spielart der Kunst, die jedoch ein treuer Begleiter der bundesrepublikanischen Geschichte ist, Spiegel der Zeiten und des Vorhabens, mit Kunst eine offenere Gesellschaft zu erzeugen. Wer eine ihrer Blütephasen erleben will, wird etwa in Marl fündig, wo sie seit den 1980er-Jahren im Umkreis von Rathaus und Museum fast alle öffentlichen Räume der Stadt bevölkert. Ähnlich in Duisburg, dessen Lehmbruck-Museum sich genauso als Skulpturen-Zentrum versteht wie der Marler „Glaskasten“.

Doch nicht überall ist man noch vom Sinn und Zweck dieser Kunst überzeugt. In Berlin wurde der Fall eines Bürgersteigs bekannt, den vier kunstvolle Stelen zieren; doch das Pflaster selbst war derart marode, dass ein Gericht einer Rentnerin, die darüber gestürzt war, Schadensersatz zusprach. Der Wettbewerb um die Kunst am Bürgersteig-Bau hatte 130 000 Euro gekostet, da war kein Geld mehr da, um das Pflaster zu reparieren. Der Bund der Steuerzahler bezweifelt, ob sich die Behörden in solchen Fällen an die 1-Prozent-Regelung für Kunst am Bau halten müssen.

Erlass der preußischen Regierung

Diese Regelung, wonach bei Neubauten der öffentlichen Hand 1 Prozent der Bausumme für Kunst reserviert werden muss, geht auf einen Erlass der preußische Regierung aus dem Jahr 1928 zurück. Nach dem Krieg wurde sie vom Bundestag wieder aufgenommen – nicht zuletzt, um auf diese Weise Künstler zu fördern.

In Nordrhein-Westfalen ist man davon heute allerdings weit entfernt. Im Jahr 2001 bereits wurde die 1-Prozent-Regelung aufgehoben. Derzeit stehen ganze 400 000 Euro jährlich Verfügung. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg sind 8 Millionen Euro für „Kunst am Bau“ reserviert. Die Düsseldorfer Landesregierung dagegen ist gerade dabei, ihren Kulturetat für 2013 um 12 Millionen Euro zu kürzen. Allerdings ist auch ein Landes-Kulturfördergesetz in Vorbereitung, das noch in diesem Jahr vom Landtag verabschiedet werden soll.

Fröhliche Experimentierlusrt

Bei einem Symposion zur „Kunst am Bau“ heute und in Zukunft, das vom NRW-Museum für Architektur und Ingenieurkunst in der Architektenkammer in Düsseldorf ausgerichtet wurde, versicherte Peter Landmann vom Landes-Ministerium für Kultur: „Wir wollen das neue Gesetz dazu nutzen, auch die Kunst am Bau wieder zum Thema zu machen“ – und zwar wieder verpflichtend; und wenn möglich: mit einem festgeschriebenen Prozentsatz.

Die auf der Tagung präsentierten Beispiele demonstrierten dagegen die große Vielfalt und fröhliche Experimentierlust, die Kunst am Bau heute ausmachen kann: Klangkunstinstallationen, Fahnen auf Dächern verwandeln ganze Städte, Lichtkunst wie die von Mischa Kuball an der Universität Wuppertal, selbst Dienstuniformen von Mitarbeitern kommen in Frage. Die Kunst am Bau hat viel von der früheren skulpturalen Schwere abgelegt. Und stellt sich manchmal doch anspruchsvoller dar als manche Starfotografenkunst, die Markttendenzen hinterherläuft.

Mehr Aufmerksamkeit für Architektur

Auch die Architekten versprechen sich durch die Kunst etwas, zumindest mehr Aufmerksamkeit für Architektur: Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer, wünschte sich eine frühzeitige Zusammenarbeit von Künstlern und Architekten, eine bisher eher seltene Kooperation. Immerhin es gibt sie. Ein Büro wie Herzog&de Meuron arbeitet seit Jahren mit dem Künstler Remy Zaugg zusammen, der etwa in Aachen die Betonfassadenteile mit seiner Wortkunst versehen hat. Eine neue Verzahnung von Gewerken, die zum letzten Mal wahrscheinlich vor mehr als hundert Jahren stattgefunden hat. Man darf gespannt sein, ob die Landesregierung hierfür noch die notwendigen Gelder findet.

Frank Maier-Solgk



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