Die Hormone toben und die Historie spielt verrückt

Vielleicht liegt es am fast noch kindlichen Alter des Ich-Erzählers, dass das Buch keine einzige Sexszene hat, es wird nicht mal geknutscht. Der autobiografische Erzähler ist 15 und singt im Dresdner Knaben-Kreuzchor. Als der Realsozialismus erodiert, kippt seine Welt. Mit 16 zieht er sich Springerstiefel an und fährt nach Berlin, um in den Westen zu gehen und gedemütigt das Begrüßungsgeld entgegenzunehmen. Aus Scham tauscht er seine D-Mark in DDR-Mark, 1:7, und isst in einer HO-Gaststätte die Sättigungsbeilage und etwas dazu. In der Heimatstadt sieht er herumirrende Leihbeamte, die eine Buschzulage kassieren, Bankencontainer, Spekulanten in Wohnhäusern und verfolgt den Boom der Erotik-Shops. „Wir hassten es jetzt schon, dass wir dafür auch noch Danke sagen sollten dafür“, schreibt er.

Der Roman von Peter Richter, 41, handelt in Loschwitz, dem einstigen Villenstadtviertel von Dresden. Aber er hat mit Uwe Tellkamps Epik-Breitband nichts zu tun. Richter lädt eine Impression nach der anderen auf, sein Gedächtnis funktioniert, es bringt genaue, intensive Bilder hervor, zugleich kommt das Buch bescheiden daher. Es ist angebunden an das Entwicklungstempo eines Jugendlichen, der in einer bewegten Zeit auch noch mit seinem Stimmwechsel zurechtkommen muss. Das erscheint authentisch, obwohl es aufgeladen ist von Weltgeschichte. Die Hormone toben und die Historie spielt verrückt, Richter erkennt im Rückblick die ihm widerfahrene „Gnade der gerade noch rechtzeitigen Geburt“. Er will seine Geschichte schreiben.

Denn Peter Richter, der gelernte Kunsthistoriker, war dabei und hat das Beste aus der Turbulenz gemacht. „Wir waren möglicherweise diejenigen, die am meisten davon profitiert haben“, stellt er fest. Denn immerhin „haben die meisten von uns sich die Welt angesehen und es im Westen überwiegend ganz gut gehabt“. Der Autor lebt heute als Kulturjournalist in New York.