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Die glückliche Seite von Interpol

03.09.2010 | 17:58 Uhr
Die glückliche Seite von Interpol
Heute nur noch ein Trio: Interpol. Sam Fogarino, Daniel Kessler und Paul Banks vermissen ihren Bassisten Carlos Dengler trotz des prominenten Ersatzes. Foto: Jelle Wegenaar

Berlin.Eine Begegnung mit Paul Banks von Interpol zeigt, dass nicht alles so schwer wiegt wie die Musik des neuen Albums. Es schließt nahtlos an den Vorgänger „Our Love To Admire“ an. Und wirkt ungleich komplexer als die Werke der Editors.

Wann auch immer man Paul Banks auf seine Freundin anspricht, zieht sich ein zufriedenes Lächeln übers Gesicht des Berufsmelancholikers. Er sagt dann bescheidene Sätze wie: „Ich bin der unbekannte Junge an ihrer Seite.“ Das stimmt sogar. Seit zwei Jahren ist er mit dem Ex-Topmodel Helena Christensen zusammen, gegen sie verblasst die Bekanntheit einer Band wie Interpol schon ein bisschen.

Aber eben nur ein bisschen.

Wir sitzen in seinem Hotelzimmer in Berlin, das halbe Dutzend ausgedrückter Kippen zeugt von einem verdammt langen Interviewtag. Es riecht, ehrlich gesagt, wie im Aschenbecher. Es gab ja auch eine Menge zu sagen, eine Menge nachzudenken und zwei Kannen Kaffee zu trinken für den Sänger. Darüber etwa, warum Bassist und und Co-Arrangeur Carlos Dengler gleich nach den Aufnahmen zum Album „Interpol“ den Dienst quittiert hat. Der Mann, dessen Stil lange dem eines geschniegelten Gangsters aus den 20ern glich, wurde vom Filmemachen und der Filmmusik in den Bann gezogen. „Außerdem wollte er, glaube ich, sein Leben nicht auf Band sehen. Deswegen bin ich auch sicher, dass man ihn nicht allzu bald wieder in einer Rockband antreffen wird.“

Kein schmerzhafter Prozess

Album-Kritik
Eine komplexe Schönheit

Was mit „Our Love To Admire“ begann, haben Interpol auf ihrem neuen Album konsequent fortgesetzt: Sorgfältig orchestrierte Songs, die eher als Gesamtkunstwerk durchgehen und wenig Platz für Hits lassen. Immerhin sind mit „Summer Well“ und „Barricades“ zwei schnellere, punkigere Ausreißer unter die sonst komplexen, getragenen Stücke geraten. Dennoch strahlt der Gitarrensound eine Schönheit aus, die sich am Ende, im Song „The Undoing“, erst voll entfaltet. how

Vielleicht ahnte Dengler ja auch, dass eine Trennung bevorstand, denn die Musik auf dem vierten Album von Interpol ist komplex und bis auf wenige Momente bleischwer. Dafür fiel es Banks diesmal umso leichter, Worte dazu zu finden. „Beim letzten Album war das Texten ein langer, schmerzhafter Prozess. Aber diesmal wusste ich, dass die Musik kein Leichtgewicht ist, dafür sollten meine Zeilen möglichst leicht zugänglich sein. Und sie sind mir diesmal einfach so zugeflogen“, erzählt Banks und wirkt erleichtert.

Man merkt der Platte an, dass die Band vom unbedingten Willen beseelt ist, Kunst zu produzieren, wie schon beim Vorgänger „Our Love To Admire“. Was aber nicht schlimm ist, denn von ihren Fans werden Interpol ja nicht dafür geliebt, dass sie eine tolle Partyband sind, sondern dass sie emotionale Tiefe, Schwermut und intellektuellen Anspruch gleichermaßen bedienen. Nicht umsonst haben sie als Vorboten zum Album dem Song „Lights“ ein Video gegönnt, das eine ultracleane Ästhetik bedient und in dem zwei in Latex gekleidete Schönheiten einer dritten Pheromone abernten. Klingt abstrakt, sieht aber gut aus.

„Ich bin jetzt nicht die neue Lady Gaga“

In frühen Jahren standen Interpol selbst im Verdacht, bloß durchgestylte Anzugträger mit Gitarre zu sein, Schnösel also. Allerdings ist es Paul Banks spätestens im vergangenen Jahr gelungen, diesen Eindruck nachhaltig zu zerstören. Zu seinem Solo-Projekt „Julian Plenti... Is Skyscraper“ sah er aus wie der Junge, der zum Abschlussball kein Mädchen abbekommen hat. Dazu hatte er sich nur ein bisschen verkleidet. „Ich bin da natürlich in eine Rolle geschlüpft. Aber man sollte nicht denken, ich wäre jetzt die neue Lady Gaga. Das Image, das wir damals geschaffen haben, nennt sich im Englischen ,Shmo’, eine Mischung aus Verlierer und Depp. Und das gefällt mir schon ganz gut, schließlich habe ich da auch Klamotten getragen, die ich auch auf der Straße tragen würde.“ Doch im blauen Knitterhemd, mit gestrickter Schirmmütze und fettigem Haar wirkte er dort, als wäre er gerade sehr durch den Wind.

Interpol haben manchmal auch was zu lachen: Daniel Kessler, Paul Banks und Sam Fogarino. Foto: Jelle Wegenaar

Ganz anders beim Interview, zu dem er in schlichter schwarzer Hose, schwarzem T-Shirt und mit schwarzer Ray-Ban-Brille erschienen ist. Er zündet sich noch eine Zigarette an und erzählt, dass er ganz glücklich ist darüber, welche Musiker nun zur Live-Verstärkung hinzugekommen sind. Am Bass steht Dave Pajo, der für Slint, Tortoise und Zwan gespielt hat. An den Keyboards findet sich Brandon Curtis von den Secret Machines. „Man muss sich das mal vorstellen, da haben wir den Sänger einer meiner Lieblingsbands am Keyboard“, sagt Banks. Nun läge es ja nahe, die beiden als neue Mitglieder zu begrüßen. Aber da winkt Banks ab: „Zunächst: Niemand kann Carlos wirklich ersetzen. Und im Moment gibt es wirklich nur drei Mitglieder bei Interpol.“ Als er das sagt, nimmt er einen tiefen Zug und wird wieder ein wenig stiller. Doch das währt nicht lange.

Denn wann immer man ihn auf die Tätowierung auf seinem Oberarm anspricht, macht sich wieder dieses zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht breit. „Das ist ein Jugendstilbild von Alphonse Mucha“, sagt er. Es zeigt das lockenumwallte Antlitz einer schönen Frau. Man ahnt, dass Banks in manchen Momenten eben doch kein so schwermütiger Junge ist, wie man von seinen Liedern her denken sollte. Er drückt die Zigarette aus, schaut noch einmal ins Mädchengesicht und sagt einen Satz von entwaffnender Schlichtheit: „Das ist meine Motivation im Leben: Babes!“

  • Interpol, „Interpol“, Soft Limit/Universal. Live: 22.11., Dortmund, Westfalenhalle 2

Georg Howahl

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