Die Glocken des Vatikans

Agnone..  Mitten in einer Märchenlandschaft liegt die Stadt der Glocken: Agnone. Der 5200-Einwohner-Ort in der süditalienischen Region Molise ist umgeben von herrlichen Wäldern, er ist reich an Kunst und Kirchen, aber vor allem berühmt für seine Glocken. Es gibt sie aus Schokolade und zu Käse geformt. In Lebensmittelläden, beim Tabakhändler und in Konditoreien. Aber eben auch in tonnenschwerem Großformat, nämlich als echte Kirchenglocken.

Diese produziert die „Päpstliche Glockengießerei Marinelli“ seit mindestens 1300, als eine der ältesten und renommiertesten der Welt, immer von derselben Familie betrieben. „Wir sind die einzige mit Papstwappen auf den Glocken“, erklärt Armando Marinelli. In der Gießerei ist alles beim Alten. Denn sie gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, weil sie ihre wunderschönen, mit Inschriften verzierten Glocken noch immer mit mittelalterlicher Technik herstellt. Wie rund um 1300, als Nicodemo Marinelli als erster der Familie Glocken goss: „Seitdem hat sich in der Produktion kaum etwas verändert.“

In der Gießerei sieht es so aus, wie historische Filme Handwerksbetriebe von früher zeigen. Ein langgestreckter großer Raum mit einfachen Sprossenfenstern und kahlem Zementboden. Es ist ziemlich dunkel, Holzfeuer knistert. Und rechts und links Spaliere von Glocken. Große und kleine, fertig gegossene und halbfertige. Je nach Format dauern die Arbeitsschritte von zwei bis zu zehn Monaten.

„Der heilige Ritus der Fusion“ heißt das Ritual, wenn in Agnone ein Priester segnend vor dem Feuerofen steht. Die Bronzefusion wird auf 1200 Grad Celsius aufgeheizt und dann in die Glockenform gegossen. Alle zwölf Beschäftigten stehen vor der Glut. Marien-Litaneien werden laut gebetet. Und das je nach Auftragsdichte mehr als zehnmal im Jahr. Glockenmeister Antonio Delli Quadri: „Der kleinste Fehler bei der Fusion kann die Arbeit von Monaten kaputtmachen.“ Armando Marinelli tut geheimnisvoll: „Ein Glockenbauer muss von vielen Wissenschaftssparten eine Ahnung haben.“ Was eine Glocke heute kostet? „30 bis 35 Euro je Kilo“, heißt es in Agnone. Das Flaggschiff-Produkt der Gießerei ist eine 100 Kilo schwere Bronzeglocke, die gut 3000 Euro kostet. Aber etliche sind viel schwerer. Die berühmte Jubiläumsglocke etwa, die Marinelli zur Jahrtausendwende für den Vatikan herstellte, wiegt fünf Tonnen. Sie ist in den Vatikanischen Gärten installiert. Der polnische Papst hat übrigens in den 90er Jahren persönlich in der Gießerei einen Fusionsritus mit Segnung geleitet. Längst gibt es natürlich auch Marinelli-Glocken, die den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus gewidmet sind. Auch der Uno-Sitz in New York hat eine.

Im Museum „Johannes Paul II.“ in der Gießerei , 1997 eingerichtet, sind zahlreiche Reproduktionen von Glocken zu sehen, die Marinelli weltweit liefert. Auch Miniaturmodelle von solchen, die eingeschmolzen und zwangsweise in Kriegszeiten zu Kanonen wurden. 30 000 Besucher jährlich lassen sich herumführen. Glanzstück des Museums ist die „Jahrtausendglocke“, jene aus dem Jahr 1000 in Marinelli-Besitz, die in Mittelitalien gefunden wurde. Und auch eine „Bibel der Glockenkunst“ ist ausgestellt: aus dem Jahre 1664.