"Die Gegenwart zerfließt"
16.04.2008 | 07:30 Uhr 2008-04-16T07:30:00+0200
Cyberspace-Visionär William Gibson über seinen neuen Roman "Quellcode", technologischen Wandel, das Ende der Science Fiction und Paranoia in den Zeiten der Bush-Ära.
Vielleicht hätte er sich das Ganze nie ausdenken sollen. Als William Gibson 1984 den Ausdruck „Cyberspace“ erfand, konnte er nicht ahnen, dass er später der Hausheilige von Futurologen und „Wired“-Lesern werden würde. Dabei schreibt Gibson, 60, seit ein paar Jahren gar keine Science Fiction mehr. Nach „Mustererkennung“ (2003) ist „Quellcode“ sein zweiter Roman im Hier und Jetzt. Das Buch ist ein High-Tech-Agententhriller und darüber hinaus eine Reflexion über Paranoia und Überwachung in der Post-9/11-Ära. William Gibson hat elf Romane geschrieben, zahlreiche Kurzgeschichten und Drehbücher (u.a. für den Film „Johnny Mnemonic“ und die Serie „Akte X“). Er lebt in Vancouver, Kanada.
Ingo Juknat: Mr. Gibson, wann waren Sie das letzte Mal wirklich beeindruckt von einem technischen Gerät?
Gute Frage. Wahrscheinlich beim iPhone. Ich war irgendwo in den USA, ging in den Apple-Laden, nahm eins in die Hand und probierte diesen Neigungstrick aus. Da war so ein Gefühl: Oh, das ist neu.
Ingo Juknat: Kam Ihnen das wie Science Fiction vor?
Ich glaube, solche technischen Details würde ich in meinen Romanen vernachlässigen. Ich bin eher daran interessiert, was Leute mit neuen Technologien machen. Wenn ein neues Gerät auf den Markt kommt, habe ich selten das Bedürfnis, es zu kaufen. Aber ich achte darauf, was damit passiert.
Ingo Juknat: Es geht mehr um die soziologischen Auswirkungen von Technik.
Genau.
Ingo Juknat: Haben Sie das Gefühl, dass die Gegenwart die Zukunft in mancher Hinsicht überholt hat – dass Science Fiction passé ist?
Mein Freund, der Kritiker John Clute, bezeichnet Science Fiction als historisches Konstrukt, eine Gattung, deren Moment vorbei ist. Meine Ansicht dazu ist, dass ich nicht weiß, wie ein Science-Fiction-Autor heutzutage die klassische Aufgabe der Extrapolation erfüllen könnte, also vom Heute auf das Morgen zu schließen. Wie ein Charakter in meinem Roman „Mustererkennung“ sagt, „unser Jetzt ist von immer kürzerer Dauer.“ Die Gegenwart ist nicht stabil genug, um vorherzusagen, wohin sie führen wird.
Ingo Juknat: Haben Sie sich deshalb von der Zukunft abgewandt und schreiben über das Hier und Jetzt?
Mir kommt es nicht so vor, als hätte sich meine Arbeit wesentlich geändert. Ich habe nur aufgehört, so zu tun, als schriebe ich über die Zukunft, während es eigentlich die Gegenwart ist.
Ingo Juknat: "Quellcode" vermittelt trotzdem ein Gefühl von Science Fiction.
Ich denke, das ist nur das Ergebnis eines literarischen Realismus im Jahr 2008. Viele reale Ereignisse hätte man früher ja nie geglaubt. Wenn ich mich 1979 an einen Verleger gewandt hätte und ihm ein Szenario vorgeschlagen hätte, in dem der Verbrennungsmotor unwiderrufliche Schäden am Weltklima hervorruft, dann hätte er vielleicht gesagt, ja, schreiben Sie das, das klingt interessant. Aber wenn ich dann hinzugefügt hätte, in derselben Welt gibt es eine sexuell übertragbare Krankheit, die das menschliche Immunsystem zerstört und sich rapide ausbreitet oder dass islamistische Terroristen Flugzeuge in die höchsten Gebäude von New York steuern und die Vereinigten Staaten als Folge daraus in das falsche Land einmarschieren, dann hätte ich seine Vorstellungskraft vermutlich überstrapaziert. Das alles klingt nach Science Fiction und ist doch Geschichte.
Ingo Juknat: Was ist die Aufgabe eines Autors in solchen Zeiten?
Ich würde sagen, es ist seine Aufgabe, die Temperatur des Zeitgeistes zu erfühlen – zu beschreiben, was es heutzutage heißt, ein Mensch zu sein. Dazu muss man den Werkzeugkasten benutzen, der ursprünglich mal zur Science Fiction gehörte. Sonst fehlt einem die Zange, mit der man die glühend heiße, zerfließende Gegenwart überhaupt anfassen kann.
Ingo Juknat: In seinem berühmten Buch Future Shock hat der amerikanische Soziologe Alvin Toffler einmal geschrieben, „die Geschwindigkeit von Veränderungen hat völlig andere, und manchmal wichtigere, Implikationen als die Richtung.“ Stimmen Sie dem zu?
Ich glaube, das hat er genau richtig erfasst. Das Zitat impliziert allerdings, dass wir wissen, in welche Richtung uns Technologien verändern. Ich glaube nicht, dass wir das tun.
Ingo Juknat: Wird es immer schwieriger für die Menschen, sich den rasanten Veränderungen anzupassen?
Es wird z.T. schwerer für ältere Menschen, mit den schnellen Veränderungen klarzukommen. Im Gegensatz dazu scheinen sich Leute, die nie eine geringere Geschwindigkeit des Wandels kennen gelernt haben, nicht daran zu stören. Im Gegenteil – sie finden das alles eher aufregend und wollen mehr. Und ich kann mich damit immer noch identifizieren.
Ingo Juknat: Haben Sie je gedacht, dass Ihr Interesse an neuen Technologien und Trends eines Tages nachlassen könnte?
Ich denke nicht, dass das passieren wird. Auch wenn ich manchmal eine gewisse existenzielle Übelkeit angesichts der rapiden Veränderungen verspüre – das, was Frederick Jameson als „the postmodern sublime“ bezeichnet, eine Mischung aus Furcht und Erregung, die für unser Zeitalter typisch ist. Wie könnte das langweilig sein?
Ingo Juknat: Ist „Quellcode“ bei allen sozio-technologischen Beobachtungen auch ein politischer Roman?
Ich finde nicht, dass das Buch politischer ist als meine vorherigen Romane. Aber da es in der Gegenwart spielt, waren ein paar offenere politische Kommentare unumgänglich.
Ingo Juknat: Es gibt eine schöne Stelle in dem Buch, in der einer der Charaktere sagt, er sehne sich nach den Zeiten, „als die Dinge noch von Erwachsenen geregelt wurden.“ Könnte sich das nach den kommenden US-Wahlen bessern? Glauben Sie, dass das Land dann wieder von „Erwachsenen“ regiert wird?
Das kann man kaum vorhersagen. Um ehrlich zu sein: Ich glaube erst an das Ende der Bush-Ära, wenn ich einen Pfahl durch ihr Herz getrieben habe (lacht). Nationen sind riesige, langsame, prämoderne Konstrukte. Ich fürchte, die Bush-Regierung hat die Hebel im Steuermechanismus der Vereinigten Staaten soweit verschoben, dass das Land noch eine lange Zeit in die falsche Richtung driften wird – egal, welche noblen Absichten die Leute verfolgen mögen, die demnächst an der Macht sind. Wenn man das Steuerrad eines Ozeanriesen zu lange gedreht hat, dauert es eine ganze Weile, bis man ihn wieder auf Kurs bekommt.
William Gibsons "Quellcode" ist bei Klett-Cotta erschienen.
Ingo Juknat schreibt regelmäßig für DerWesten auf Westropolis.
12:34
Sehr sehr gut! Viele interssant!
Danke. Wann die naechste? :)
13:54
Prima Interview !
13:05
Tolles Interview. Vielen Dank!