Die ewigen Jagdgründe
16.06.2008 | 17:39 Uhr 2008-06-16T17:39:00+0200
Elspe und noch lange kein Ende: Seit 50 Jahren schon reitet Winnetou durchs wilde Sauerland. freizeit blickt in die Historie der Freilichtbühne.
Rauchende Colts und brennende Hütten, scheuende Rösser und zünftige Saloonkloppe – das ist Elspe. Oder besser: Das ist Elspe heute.
Vor 50 Jahren aber, als der Naturbühnen-Verein erstmals die edle Rothaut Winnetou über den felsigen Hügel reiten ließ, sah das noch ein klein wenig anders aus: Kostüme wie aus der Kaufhaus-Karnevalsabteilung, Wigwams von der Größe eines Dixi-Klos – und statt der 40 bestens ausgebildeten Huftiere, die heute mit wehender Mähne durch den sauerländischen Showpark galoppieren, schleppten sich seinerzeit zwei nicht unbedingt temperamentvolle Schindmähren über den Rübenkamp. Elspe-Geschäftsführer Jochen Bludau, 1958 erster Darsteller des roten Gentlemans im ledernen Fransenhemd, erinnert sich: „Ja, wir waren echte Amateure. Aber wir haben damals die Defizite durch Enthusiasmus wettgemacht.”
18.6.-31.8., Karl-May-Spiele Elspe (Zur Naturbühne 1, Lennestadt), di.-do. & sa./so. um 14.45 Uhr, Abendvorstellungen (20.15 Uhr) nur am 19./26.7. & 2./9.8.
Karten: Erw. 22,70 €, Ki. (4 bis 15 J.) 18,70 €, Buchung: 02721/944 40, Infos: www.elspe.de
Auf die eher bescheidenen Anfänge in Elspe folgte die schrittweise Professionalisierung. Seit 1964, dem eigentlichen Gründungsjahr der Festspiele, setzt man in Elspe ausschließlich auf Stoffe des Winnetou-Erfinders aus dem Erzgebirge. Mit Erfolg. Eine Woge der Wild-West-Begeisterung, aufgeputscht nicht zuletzt durch Karl-May-Abenteuer im Kino, spülte mehr und mehr Zuschauer auf die Naturbühne. 1976 dann erklärte auch der Held der Filmreihe höchstpersönlich Elspe zu seinem Revier: Pierre Brice griff hier zur Silberbüchse. Und genauso, wie die Kugeln von Winnetous legendärem Schießeisen nie ihr Ziel verfehlen, erwies sich das Engagement des schauspielenden Barons aus Brest als echter Volltreffer. Dazu Elspe-Häuptling Jochen Bludau, der an der Seite des Stars nunmehr den bleichgesichtigen Blutsbruder mimte: „Keine Frage, die Arbeit mit Brice war das absolute Highlight unserer Historie.”
Die Zuschauerzahlen explodierten, die betagte Tribüne war dem Ansturm nicht mehr gewachsen und musste erweitert werden. Mitte der 70er Jahre wurden die Open-Air-Shows dann zu kleinen Spektakeln – erstmals tuckerte sogar eine echte Dampflok übers Gelände. Auch hinter den Kulissen wurde kräftig aufgerüstet: Stunttrainer gesellten sich zu Schauspielern, ein eigener Reitstall für wiehernde Nebendarsteller musste errichtet werden. Um es mit einem Filmzitat des letzten Apachen-Häuptlings zu sagen: „Nur der wird überleben, der sich dem Wandel der Zeit nicht widersetzt.”
Selbst wenn sich Umfeld und Struktur (1982 führte Elspe die Buchung per Computer ein!) im Laufe der letzten fünf Dekaden stetig gewandelt haben – als Konstante hat sich hier die bewährte Mischung aus Pyrotechnik, Postkutschen und ganz viel Peng-Peng bis heute gehalten. Und nachdem man in Elspe den Leinwand-Western erfolgreich kopiert hatte, hielt das Kino 1993 selbst Einzug in die sauerländische Prärie – in Gestalt eines kleines Mannes mit sehr großem Sombrero: Helge Schneider alias Doc Snyder inszenierte im Freilichttheater seine Western-Parodie „Texas”.
Kurzum: In Elspe herrschte in den letzten 50 Jahren ungefähr so viel Stillstand wie auf einem elektrischen Bullen. Da macht auch das Jubiläumsprogramm keine Ausnahme: „Unter Geiern” heißt das aktuelle Stück (Premiere ist morgen), wieder frei nach May-Motiven. In die Mokassin-Stapfen von Pierre Brice tritt wieder Benjamin Armbruster. Und Rolf Schauerte, eigentlich abonniert auf Schurken, schlüpft erstmals in die Heldenrolle als Old Surehand. Übrigens, das Ensemble komplettiert ein gewisser Leonardo da Vinci. So heißt der Gänsegeier, der in einer spektakulären Schlüsselszene... nein, wir wollen nicht zu viel verraten.
Und was erwartet die Jubiläumsbesucher sonst noch? Eine große Ausstellung erinnert an die Geschichte der erfolg-reichsten Produktionen, dazu gibt's ein Rahmenprogramm mit wilder Rodeo-Show. Für den Einzug in die ewigen Jagdgründe ist Elspe also noch lange nicht reif. Hugh.
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